Filmfestspiele Venedig: „Ad Astra“ mit Brad Pitt

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Der Astronaut Roy McBride (Brad Pitt) macht sich im All auf die Suche nach seinem verschollenen Vater.
Der Astronaut Roy McBride (Brad Pitt) macht sich im All auf die Suche nach seinem verschollenen Vater. (Foto: Festspiele)
Rüdiger Suchsland

So etwas braucht man für die Eröffnung eines Filmfestivals: Weltstars, die über den roten Teppich schreiten, und Filme, die gut sind. An beidem ist zumindest an den ersten Tagen kein Mangel in Venedig: „The Truth“ („La Verité“) vom Japaner Hirokazu Kore-eda, der im vergangenen Jahr die Goldene Palme von Cannes gewann, führt mit Catherine Deneuve und Juliette Binoche zwei Stars zusammen, die noch nie gemeinsam in einem Film gespielt haben. Dennoch war der erste französische Film Kore-edas zwar eine Hommage an die Filmgeschichte. Deneuve spielt einen Filmstar, Binoche ihre Tochter. Doch beeindruckt er darüber hinaus nicht nachhaltig: viel Drama und Anspielungen mit Film-im-Film-Szenen, aber sonst nicht mehr als eben ein netter Film zum schnellen Vergessen.

Nicht so schnell vergessen wird man dagegen zwei andere Filme: Der deutsche Film „Pelikanblut“ von Kathrin Gebbe läuft zwar nicht im Wettbewerb, eröffnet aber die zweitwichtigste Sektion Orrizonti.

Zu Beginn dieses Films sieht man Nebellandschaften, Tiere, die sich am Morgen erheben. Auf den ersten Blick sind es Bilder aus einem Western. Nina Hoss trägt Cowboyhut und wirkt betont frei. Sie spielt Wiebke, eine alleinstehende Frau, die einen Reiterhof leitet, eine Pferdeflüsterin, die Problempferde besonders sensibel zähmt.

Deutsche Mythen

Offenbar besitzt sie auch einen Draht zu schwierigen Kindern. Ihre Tochter ist adoptiert, jetzt will sie aus Russland noch ein zweites Mädchen holen. Aber die fünfjährige Raya (Katerina Lipovska) stellt sich als schwer traumatisiert heraus: ein Systemsprenger. Die Zeichen, dass dieses Mädchen scheinbar das Böse in sich trägt, häufen sich. Aber auch Mutter Wiebke ist zunehmend schwerer zu verstehen in ihrem Eigensinn, mit dem sie das Mädchen beschützen möchte. Sie hält sich nicht an die Ratschläge der Ärzte, will perfekt sein, sich ihr Scheitern nicht eingestehen. Alles eskaliert. Dann ruft Wiebke eine Schamanin...

„Pelikanblut“ bietet dem Zuschauer einen merkwürdigen Mix aus verschiedenen Genres, aber in jedem Fall faszinierendes Kino von hoher inszenatorischer Qualität – und eine Herausforderung an die Nerven. Es ist auf jeden Fall die Art deutsches Kino, die im Ausland geliebt wird: Voller düsterer Romantik, Phantastik, Fantasie und Extremismus, deutsche Mutter und deutscher Wald.

Auch ein Mythenspiel, wenn auch ganz anderer Art, ist „Ad Astra", der neue Film von James Gray. Wie so oft im amerikanischen Kino geht es um Väter und Söhne. Inzwischen leicht verwittert, aber immer noch blendend aussehend, spielt Brad Pitt Roy McBride, Filius eines Astronautenhelden. Vor über 20 Jahren blieb der Vater bei einer Mission verschollen. Doch plötzlich deutet manches daraufhin, dass er noch leben könnte, irgendwo bei den Ringen des Neptun.

Und so geht der Sohn auf eine Reise, die von fern an ein „Apokalypse Now“ im Weltall erinnert: Faszinierend zeigt Gray das Leben der Zukunft auf dem Mond und auf dem Mars. Und er schickt Roy McBride auf einen Trip, in dem er dem Vater (Tommy Lee Jones) wiederbegegnen wird. Gray, der Regisseur der ödipal besessenen Söhne Amerikas (in „Little Odessa“ oder „We Own the Night“) plädiert für das Loslassen der Väter. Das ist eine optimistische Botschaft aus Venedig, die man in Amerika auch politisch beherzigen könnte.

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