Filmfestspiele Biberach 2018

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Stefan Rother

Die Biberacher Filmfestspiele mögen mit ihrer 40. Auflage ins gesetzte Schwabenalter gekommen sein – im Programm finden sich viele Beiträge mit jugendlich-leidenschaftlichen Themen. Das liegt zum einen daran, dass viele Debütfilme von entsprechend jungen Filmemachern dabei sind. Aber der schwierige Weg ins Erwachsenwerden – und die Frage, ob man dort überhaupt hin will – hat eben auch eine lange Tradition auf der Kinoleinwand. Es ist ein besonders dankbares Thema, um soziale Konflikte und Bruchstellen immer wieder neu zu verhandeln.

Philipp Hirsch, der in Biberach seinen Film-Erstling präsentierte, ist sich solcher Vorgänger natürlich bewusst. So scheinen bei „Raus“ Referenzen von „Der Herr der Fliegen“ bis „Die fetten Jahre sind vorbei“ durch. Der Regisseur, der auch für das Drehbuch mitverantwortlich zeichnete, schafft es aber, die vertrauten Motive in ein zeitgemäßes Gewand zu packen. Glocke (Matti Schmidt-Schaller) ist überzeugt, dass hierzulande und in der Welt die Falschen am Drücker sind. Da hilft nur eines: dagegendrücken. Als er nach dem Abfackeln eines Zuhälter-Autos aber verfolgt wird, sucht er nach Möglichkeiten, um abzutauchen. Da kommt der im Internet verbreitete Aufruf eines gewissen Friedrich gerade recht: Der „sucht Follower – aber halt in echt“.

Mit vier anderen macht sich Glocke auf die Suche nach der Hütte von Friedrich und dem wahren, unverfälschten Leben. Erwartungsgemäß bringt das großartige Momente ebenso mit sich wie Krisen in der Gruppe – und die Frage, was dieser Friedrich mit der Aktion eigentlich bezweckt. Die junge Darstellerriege spielt sehr überzeugend vor malerischer Bergkulisse. Auch Wechsel in der Tonalität gelingen dem Film meist überzeugend. Ab 17. Januar 2019 soll er auch in den Kinos anlaufen.

Typische Festivalfilme

Wohl nur auf Festivals wird dagegen „Sarah spielt einen Werwolf“ von Katharina Wyss zu sehen sein. Vielleicht glauben Verleihfirmen nicht, dass sich die im schweizerischen Kanton Fribourg spielende mehrsprachige Produktion einem breiteren Publikum vermitteln lässt. Dabei ist der Weltschmerz der 17-jährigen Sarah selbst mit Untertiteln ziemlich universell nachvollziehbar – wenn auch vielleicht nicht unbedingt in dieser Intensität. Denn Schauspiel-Debütantin Loane Balthasar vermittelt sehr eindringlich, wie ihre Figur von der Welt verstanden werden will und dabei nur auf noch mehr Unverständnis stößt. Ein Schauspielprojekt ihrer Schule scheint ein Ventil für die überbordenden Gefühle der jungen Frau zu bieten, verstärkt aber nur noch die Entfremdung von ihrer Familie.

Die Bürde der Familie ist neben den Schmerzen des Heranwachsens auch das Thema von „Verlorene“, das Spielfilmdebüt von Felix Hassenfratz. Zwei Schwestern wachsen hier nach dem Tod der Mutter mit ihrem Vater in der tiefen süddeutschen Provinz auf. Während die jüngere, Hannah (Anna Bachmann) zu rebellieren versucht, fühlt sich die 18-jährige Maria (Maria Dragus) für die Familie verantwortlich. Als ein junger Handwerker auf der Walz auftaucht, sorgt dies für eine neue Dynamik in den festgefahrenen Verhältnissen.

Geschichte einer Entwurzelung

Für den aus Heilbronn stammenden Hassenfratz ist „Verlorene“ in erster Linie ein Heimatfilm. Auch dies hat in Biberach Tradition: Filmemacher, oft selbst aus der Provinz stammend, die das schwierige Verhältnis zu ihrer Herkunft aufarbeiten. Während es dabei aber oft um eine Abrechnung geht, behandelt „Verlorene“ beide Dimensionen: Einerseits fallen auch hier die Masken, andererseits wird aber auch die Geborgenheit von Heimat gezeigt, wenn die Kirchengemeinde im Chor „Bleibet hier und wachet mit mir“ anstimmt oder sich Maria völlig in ihrem Orgelspiel verliert (Kinostart ebenfalls 17. Januar).

Denn noch schwerer wird das Heranwachsen, wenn es mit einer Entwurzelung verbunden ist. Das zeigt Regisseurin Ann-Kristin Reyels in ihrem Film „Wir wollen nur spielen“, für den sie die Hauptrolle mit ihrem Sohn Finn besetzt hat. Dieser spielt den elfjährigen Henry, der sich in den Sommerferien an der deutsch-tschechischen Grenze wiederfindet. Dorthin wurde der neue Lebensgefährte seiner Mutter, ein Bundespolizist, versetzt. Der Film verlangt dem Zuschauer einiges ab, denn in dem sehr langsamen Auftakt sieht man Finn immer wieder schweigsam durch die Wälder ziehen. Für den Einstieg in die Geschichte ist dies aber sehr wichtig, denn dem jungen Darsteller gelingt es, die kindlich-jugendliche Mischung aus Abenteuerlust und unendlicher Langeweile ebenso zu vermitteln wie das Gefühl der Vernachlässigung durch die Erwachsenen.

Der Film wurde durch das Programm „Grenzgänger“ gefördert, und so sieht man auch das Elend im Grenzgebiet, wo zwischen Billigstläden die Kinderprostitution blüht. Eines der Opfer ist Miro (Toman Bahkavani), den der jüngere Henry gerne zum Freund hätte. Wenn dessen naive Weltsicht auf die vom Leben enttäuschte Resignation des russischen Jungen ohne Familie trifft, entsteht eine schwer bekömmliche aber intensive Mischung: Im Gegensatz zu vielen anderen Filmcharakteren im Biberacher Programm hat für Miro das Leben bereits vor dem Erwachsenwerden keine Perspektive auf Aufbruch und Veränderung mehr zu bieten.

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