Filmfestival Locarno: Eine Bilanz

Lesedauer: 6 Min
Viele Filme in Locarno handelten vom Erwachsenwerden, auch „Genesis“ aus Kanada.
Viele Filme in Locarno handelten vom Erwachsenwerden, auch „Genesis“ aus Kanada. (Foto: Locarno Festival)
Rüdiger Suchsland

Zwei Männer und eine Frau, unreife Wesen, in Bomberjacken und Springerstiefeln, die ziemlich viel dummes Zeug reden. Der Kölner Regisseur Jan Bonny folgt in „Wintermärchen“, der im Wettbewerb von Locarno Premiere hatte, der blutigen Spur des rechtsextremen NSU-Terrors. Er bedient sich einer Spielfilmform, die sich nahe an die Fakten anlehnt, für die „Einfühlung“ aber das falsche Wort wäre. Es wird gemordet, immer wieder. Brutal, kurz und schmerzhaft. Eine Qual, auch für die Zuschauer. Dazwischen wird gegessen, geschlafen, gedöst, man hat Sex, auch zu dritt, übt Schießen, und es gibt immer wieder lange, sehr lange Autofahrten.

„Wintermärchen“ bietet eine beklemmende Innenansicht des Terrors, die allerdings auf wenige Fragen eine Antwort gibt. Nichts geht in diesen Köpfen vor, behauptet der Film, außer Hass. Noch nicht mal krude Ideologie spielt eine große Rolle.

So kann man sich die NSU-Taten auch vom Leib halten. Denn bei der Frage, ob es Mitwisser gab, welche Rolle BND-V-Leute spielten, oder auch wo es Nähen zwischen der NSU und den Positionen politischer Parteien gibt, verzichtet Bonny auf genau das, was der Spielfilm dem Dokumentarfilm voraushat: auf die Möglichkeit zur Spekulation. Dieser Film zeigt die Mörder als Fremde und monströse Schreckgespenster. Dies ist ein glänzend gemachter, aber auch ein kalter Film. Bonny unternimmt eine Vivisektion des Rechtsextremismus; wie ein Käfersammler sieht er ihnen beim sinnlosen Krabbeln zu.

Wenn am Samstagabend unter dem Sternenhimmel der Piazza Grande die Leoparden vergeben werden, dürfte „Wintermärchen“ wohl eher leer ausgehen. Denn in einem starken Jahrgang, mit dem sich Carlo Chatrian als Locarno-Boss in Richtung Berlinale verabschiedet, ist dies stilistisch wie thematisch ein Solitär. Der Wettbewerb hat die Leichtigkeit des Kinos neu entdeckt. Viele Filme kreisten um junge Erwachsene und Jugendliche, ums „Coming of Age“: erste Küsse, erste Liebe, Selbstfindung und der Abschied von den Eltern.

Und der Schule. In dem kanadischen Film „Genesis“ des Frankokanadiers Philippe Lesage spielt sie eine besondere Rolle: Guillaume ist Schüler an einer Boarding School für Jungen. Die zweite Hauptfigur ist Guillaumes Schwester Charlotte, die noch zu Hause bei Vater und Stiefmutter lebt. Sie verbringt viel Zeit mit ihren Freundinnen, hat einen Freund, der sie langweilt, beginnt ein Liebesverhältnis mit einem wesentlich älteren alleinstehenden Mann, und hat wie ihr Bruder einen gewissen Hang dazu, Situationen zu provozieren, die sie in Schwierigkeiten bringen, fast, so könnte man sagen, eine masochistische Ader.

Verlorene Paradiese der Kindheit

Regisseur Philippe Lesage hat bisher mehrere Dokumentarfilme gemacht und autobiografisch eingefärbte Spielfilme. Und auch „Genesis“ ist aus den Erlebnissen des Autors entstanden. Lesage erzählt in bewusst überhöhten Szenen, musikalisch und traumwandlerisch schwebend. Ein Film der Sehnsucht und Sehnsüchte, voller visueller Reize, der versucht, das unklare Erleben Heranwachsender in eine filmische Erfahrung zu verwandeln, und der Katastrophen wie verlorene Paradiese der Kindheit aneinanderreiht zu einem Reigen der Erfahrungen.

Oder der chilenischem Film „Tarde para morir joven“ von Dominga Sotomayor, einer Chilenin, die in Barcelona studiert hat und in Argentinien Filme macht. Sotomayor erzählt von drei Jugendlichen, die eher den Wohlstandsmilieus angehören und die Welt entdecken. Dazu gehört eine atemberaubende Natur, aber auch die Welt der Erwachsenen. In deren Gesprächen und im Alltag des Lebens schreibt sich das Politische ein ins Private und umgekehrt. Dass beides nicht zu trennen ist, macht dieser Film besonders plausibel.

Eine einmalige Erfahrung ist „La Flor“ des Argentiniers Mariano Llinás. Ein einzigartiger hochinteressanter Film, der schwer zu beschreiben und in seinem Erlebnisreichtum nicht mit einem Mal auszuschöpfen ist. Das liegt auch an seiner Länge von 14 (!) Stunden. Trotzdem sei diese Geschichte von vier argentinischen Frauen, deren Schicksale miteinander verknüpft sind, keine Serie. Darauf beharrt der Regisseur.

Der sinnliche Eindruck und die Stimmung erinnern tatsächlich eher an Kino von David Lynch und von Carlos Saura – denn Musik und Gesang spielen eine wichtige Rolle, wie die Atmosphäre der 1970er-Jahre. Man muss auch an John Hustons „Der Malteser Falke“ denken, denn im Zentrum steht eine Detektivstory, ein obskurer Geheimbund und die Suche nach einem Serum, das ewige Jugend verleihen soll.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen