Film: „Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit“

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 Willem Dafoe in der Rolle des Vincent van Gogh.
Willem Dafoe in der Rolle des Vincent van Gogh. (Foto: Lily Gavin)
Rüdiger Suchsland

Vincent van Gogh, den großartigen Künstler und Revolutionär der modernen Malerei, kennen viele Menschen aber doch vor allem deshalb, weil er sich einst ein Ohr abschnitt, und weil er schöne Sonnenblumen malte.

Dieser Vincent van Gogh ist heute wohl das Symbol des genialen Menschen in der Moderne, des enigmatischen Künstlers schlechthin, des Künstlers, der weiter sieht und tiefer fühlt als normale Sterbliche. Fürs Kino ist er perfekt: leuchtende Farben, strahlende Landschaften, eine Hauptfigur zwischen Genie und Wahnsinn, ekstatischen Gesten und tiefer Sehnsucht – und das alles in der sonnendurchfluteten Provence von Südfrankreich, auch so ein Sehnsuchtsort der gebildeten Bürger der Gegenwart.

Nun kommt nach diversen Filmen unter anderem von Vincente Minelli und Robert Altman wieder einmal ein van-Gogh-Film ins Kino. Und wieder einmal ein Künstlerporträt von Julian Schnabel, der einst mit „Basquiat“ berühmt wurde. „An der Schwelle zur Ewigkeit“ heißt Schnabels neuer Film. Drunter geht es wohl nicht. Und in der Rolle des Genies ist Willem Dafoe zu sehen. „Wer sonst?“, könnte man fragen. Schließlich hat der Mann schon Jesus Christus gespielt. Und er muss dann solche Sätze sprechen wie: „Vielleicht hat Gott mich zu einem Maler für jene Menschen gemacht, die noch nicht geboren sind. Jetzt denke ich nur noch über meine Beziehung zur Ewigkeit nach.“

Dafoe hat die blauesten Augen der Filmszene, so leuchtend blau wie der Himmel über van Goghs Sonnenblumen. Sein Regisseur hält es offenbar für einen Ausdruck besonders tiefsinniger Kunst, wenn der van Gogh seines Films dann irgendwann nackt auf der Wiese tanzt und dabei die Arme nach oben gerichtet hat und wedelt, als erlebe er gerade sein persönliches Pfingstwunder. Dazu wird dann Musiksoße in jede Filmecke geschmiert.

Dafoe ist nicht der einzige überdrehte Darsteller in dieser Kitsch- und Klischeeorgie, die das Aller-schlimmste im Gegenwartskino zusammenbringt: Ein chicer amerikanischer Künstler wie Julian Schnabel und eine Handvoll Schauspieler, die unter nichts weniger leiden als unter mangelndem Selbstbewusstsein und es toll finden, bei diesem Superkünstler einen kleinen Gastauftritt zu haben: Oscar Isaac als Paul Gauguin, Emmanuelle Seigner als Wirtin, Mads Mikkelsen ausgerechnet als Priester, Rupert Friend als Bruder Theo.

Alles so erwartbar

Wenn Schnabel Gauguin und van Gogh zusammentreffen lässt, dann ist es genau so, wie sich das schlichteste Künstlerklischee die große Kunst vorstellt: „Wir rufen eine Revolution aus, hörst Du? Wir müssen ’ne neue Sichtweise entwickeln, ’ne Malerei, die frei ist von Zwängen.“ Ist doch klar, oder?

Wäre nur dieses Kino auch ein bisschen frei von Zwängen. Frei davon, sich ans Publikum heranzuschmeißen. Wäre es nur ein klein bisschen so modern wie van Goghs Kunst! Ist es aber nicht. Schnabel hakt die weiteren bekannten Stationen dieser Künstlervita ab: Der Protest der braven Bürger von Arles und die Aufenthalte in der Heilanstalt. Die Geschichte mit dem Ohr darf auch nicht fehlen. Das einzige, was wirklich fehlt, ist ein Gedanke. Stattdessen sehen wir die billigsten denkbaren Kunstklischees: „Manche denken, ich wäre verrückt. ... Aber ein Korn Verrücktheit ist das Beste an der Kunst.“ Wer so etwas glaubt, für den ist „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ der richtige Film.

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