Film: Diego Maradona

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 Das Stadio San Paolo in Neapel tobte, wenn Diego Armando Maradona für den SSC einlief.
Das Stadio San Paolo in Neapel tobte, wenn Diego Armando Maradona für den SSC einlief. (Foto: Alfredo Capozzi/DCM/dpa)
Rüdiger Suchsland

Es war vielleicht der allergrößte Moment in der an großen Momenten reichen Karriere des Diego Armando Maradona: das Tor des Jahrhunderts bei der Weltmeisterschaft 1986 im Viertelfinalspiel zwischen Argentinien und England. Vier Jahre zuvor hatten sich beide Staaten noch im Falklandkrieg militärisch gegenüber gestanden. Dann nahm Maradona die „Hand Gottes“, wie er das nannte, und damit Rache für die Kriegsniederlage. Er wurde zum Helden einer gedemütigte, in sich zerrissenen Nation. Am Ende wurden Maradona und Argentinien Weltmeister gegen Deutschland.

Nun erzählt der Brite Asif Kapadia – für seinen Dokumentarfilm „Amy“ über Amy Winehouse gewann er 2016 den Oscar – die Lebensgeschichte Maradonas in Form eines Dokumentarfilms. Es ist mitreißendes Kino, gespeist durch die Passion des Objekts wie des Regisseurs und unglaubliches Filmmaterial. Denn Kapadia durchwühlte nicht nur offizielle Archive, er entdeckte auch viele Stunden Material eines Kameramanns, der Maradona am Anfang seiner Karriere auf Schritt und Tritt begleitet hatte.

Am wichtigsten ist aber der Mittelteil: Darin schildert Kapadia ausführlich, wie Diego, das Kind aus dem argentinischen Proletariat, den Schritt nach Europa wagte, dort zuerst beim feinen katalanischen Bürgerclub FC Barcelona scheiterte und dann zum proletarischen Underdog SSC Neapel wechselte, der noch nie Meister geworden war und sich immer als süditalienischer Außenseiter fühlte. Hier war Maradona am richtigen Ort, er machte diesen Club groß und sich selbst damit unsterblich.

Verwundbarer Charakter

Die Zuschauer lernen Diego Maradona in diesen Passagen in seinen Abgründen kennen wie in seiner Brillanz. Sie erfahren etwas über seine Kokainsucht, seine Kontakte zur Mafia. Aber sie lernen ihn vor allem als einen verwundbaren Charakter kennen. Von außen wirkt er stark, aber in seinem Inneren ist er schwach. Wenn der Film in den Großaufnahmen genau auf ihn blickt und in sein Gesicht schaut, dann sieht er einen ziemlich verlorenen, ängstlichen Menschen. Maradona erscheint somit als ein Charakter, der eigentlich immer ein Heim gesucht hat und eine Familie. Als er erfolgreich wurde, hat ihn eine unsichtbare Macht von diesem Ziel weggezogen. Nie wieder konnte der Weltstar sich, wenn er geliebt wurde, sicher sein, dass er nicht nur für sein Geld geliebt wurde.

So ist der Film „Diego Maradona“ nicht so sehr Fußballgeschichte, als Kulturgeschichte. Und vor allem furioses, spannendes, unterhaltsames Kino. Kapadia zeigt Rivalitäten, er erzählt von dem Druck, der auf Sportlern lastet, und dringt ein in die Psychologie eines großartigen, über alle Konkurrenten erhabenen Athleten.

Darüber hinaus ist sein Film auch ein Lehrstück über Popkultur. Anhand von Maradona zeigt Kapadia, wie die Popkultur den Menschen aufspaltet in ein humanes, privates Wesen auf der einen Seite und den Star und das öffentliche Image auf der anderen. Wie die Medien ihre Stars benutzen und aus den Menschen Objekte der öffentlichen Kultur machen, wie wir glauben, sie zu besitzen.

Wie schon in seinen Filmen über Ayrton Senna und Amy Winehouse erzählt Kapadia von einem gefallenen Engel. Von einem Kinderstar und frühen Genie, das keine Chance hatte aufzuwachsen.

So ist sein Film auch ein nostalgischer Gegenentwurf zu einer Gegenwart, die aus digitalen Charakteren besteht. Diese spiegeln sich fortwährend narzisstisch selbst, perfektionieren sich obsessiv; versuchen in Selfies auf Facebook und Instagram, ihr Image zu monetarisieren, zu Geld zu machen. Maradona wollte vor der Kamera nicht perfekt sein, er wollte er selbst sein.

Kapadia erscheint einmal mehr als ein Regisseur mit den Methoden eines Pop-Art-Künstlers. Er nimmt einen Charakter, den das Publikum bereits kennt, und übermalt ihn gewissermaßen, bearbeitet sein Image, stellt das Bekannte in einen neuen Rahmen und gibt ihm neue Perspektiven.

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