Film: „Bombshell – Das Ende des Schweigens“ nach einer wahren Geschichte

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 Geballte Star-Power für ein wichtiges Thema (von links): Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie spielen in „Bombshell“ M
Geballte Star-Power für ein wichtiges Thema (von links): Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie spielen in „Bombshell“ Moderatorinnen des Fernsehsenders Fox, die 2016 ihren übergriffigen Chef zu Fall gebracht haben. (Foto: Hilary B Gayle/Wildbunch)
Stefan Rother

Die Geschehnisse von „Bombshell“ liegen noch keine vier Jahre zurück – und wirken trotzdem wie aus einer anderen Zeit. Im Jahr 2016 haben vier Mitarbeiterinnen den mächtigen Boss des Fernsehsenders Fox News zu Fall gebracht, weil er sie sexuell belästigt hat. Das Thema ist immer noch aktuell, auch wenn sich das Bewusstsein dafür und der Umgang damit geändert hat. Aber die Frauen damals dürften eher noch mahnende Beispiele wie das von Anita Hill im Hinterkopf gehabt haben. Die hatte 1991 Clarence Thomas der sexuellen Belästigung beschuldigt. Dieser wurde dennoch zum Richter beim Obersten Gerichtshof ernannt, und Hill musste sich einer feindseligen und verletzenden Befragung unterziehen.

Auch die #MeToo-Bewegung gab es seinerzeit noch nicht – wobei sich die Journalistinnen wohl nicht unbedingt auf diese bezogen hätten. Denn sie, das werden Star-Moderatorin Megyn Kelly (Charlize Theron) und ihre Kolleginnen nicht müde zu betonen, sehen sich keinesfalls als Feministinnen. Schließlich steht der Begriff im reaktionären Umfeld von Fox News auf der Liste unerwünschter Kategorien ganz oben. Stattdessen wird ein eigentümliches Frauenbild vermittelt: Selbstbewusst dürfen die Moderatorinnen schon auftreten, aber bitte auch nicht zu sehr; wer eine zu ausgeprägte eigene Meinung hat oder sich über Anzüglichkeiten der Kollegen mokiert, wird schnell als „schwierig“ eingestuft.

Darüber hinaus verfährt der Sender nach dem Motto „sex sells“: Kurze Röcke sind Pflicht, die Moderatorinnen sitzen nicht hinter geschlossenen Tischen, damit die Kamera immer wieder ihre Beine entlangfahren kann. Soweit, so problematisch, doch Gründer Roger Ailes (John Lithgow) wird auch im direkten Verhältnis zu den Frauen übergriffig – wie sehr, das entfaltet sich im Laufe der Geschichte. Diese wird entlang des Schicksals dreier Frauen erzählt, von denen zwei realen Vorbildern nachempfunden sind. Da ist Moderatorin Gretchen Carlson (Nicole Kidman), die aufgrund ihrer ablehnenden Haltung gegenüber sexuellen Avancen innerhalb des Senders zunehmend kaltgestellt und schließlich wegen „enttäuschender Einschaltquoten“ gefeuert wird. Nun will sie Ailes direkt verklagen, braucht dafür aber die Unterstützung weiterer betroffener Kolleginnen. Doch die trauen sich im von Kontrolle geprägten Klima des Senders nicht aus der Deckung.

Auch die extrem ehrgeizige Kelly hält sich zunächst bedeckt – schließlich ist sie bereits durch eine Fehde mit Donald Trump, seinerzeit noch US-Präsidentschaftskandidat, voll ausgelastet. Der attackiert sie massiv auf Twitter, nachdem sie ihm im Interview auf sein problematisches Frauenbild angesprochen hat. Die junge News-Produzentin Kayla Pospisil (Margot Robbie) bündelt schließlich das Schicksal mehrerer realer Vorbilder in sich. Von einem christlich-fundamentalistischen Elternhaus geprägt, kommt sie voller Überzeugungen zu dem konservativen Sender. In einer der verstörendsten Szenen des Films muss sie aber lernen, was Ailes tatsächlich alles unter „Loyalität“ versteht.

Der durch reichlich Make-up und Prothesen in Ailes verwandelte Lithgow spielt seine Figur angemessen abstoßend – aber eben nicht nur. Vor allem Megyn sinniert darüber, dass er eben auch oft ein Förderer und guter Ratgeber für sie war, was die Grenzüberschreitungen aber eher noch verwerflicher macht. Die geballte Star-Power der Darstellerinnen verleiht den weiblichen Figuren ebenfalls Profil. So ergreift der Zuschauer ihre Seite, auch wenn das liberale Amerikaner wohl eine gewisse Überwindung kosten dürfte. Megyn Kelly etwa ist selbst nach ihrer Zeit bei Fox wiederholt durch rassistische Entgleisungen aufgefallen, was im Film aber kaum thematisiert wird. Auch die problematische Erfolgsstrategie des Senders wird eher pflichtgemäß abgehakt. An der starken Botschaft gegen sexuelle Belästigung ändert dies aber nichts, und trotz des ernsten Themas ist der Film so unterhaltsam wie sarkastisch. Dass der einzige Oscar nicht an die als beste Haupt- und Nebendarstellerinnen nominierten Theron und Robbie vergeben wurde, entbehrt dabei nicht einer gewissen bitteren Ironie – zwar ist die Auszeichnung für „Bestes Make-up und beste Frisuren“ gerechtfertigt, andererseits waren es ja genau diese Äußerlichkeiten, auf die der Sender seine Journalistinnen zu reduzieren versuchte.

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