Essay: Was Menschen zum Gaffen verleitet

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Ein Schaulustiger fotografiert eine Unfallszene
Das ist ein Symbolfoto, also gestellt. Aber Schaulustige, die Rettungseinsätze mit dem Handy fotografieren, sind immer öfter zu beobachten. (Foto: imago Images)
Claus Wolber

Was fasziniert den Menschen so am Sterben eines Mitmenschen? Auf der Autobahn hat es einen Unfall gegeben. Helfer bergen aus einem verbeulten Personenwagen ein schwer verletztes älteres Ehepaar, legen den Mann und die Frau auf die Böschung. Zuerst stirbt die Frau.

Der Ehemann ergreift noch einmal ihre Hand, ruft nach ihr, bevor auch er stirbt. Dabei ist ein Fotograf. Er hält Bild auf Bild den Vorgang des Sterbens fest. Eine Woche später veröffentlicht die Illustrierte „Stern“ vier Fotos aus dieser Serie – angeblich als Warnung vor dem Rasen und vor dem unüberlegten Ausscheren von Lastwagen zum Überholen, was laut Zeugen Ursache des Unfalls war.

Im Netz ist alles zu sehen

Das war vor mehr als 60 Jahren. Ein solcher Illustriertenbericht wäre heute unmöglich, er hätte schwere juristische Folgen. Das Paradoxe aber ist: Eben solche Fotos, damals einmalig veröffentlicht, sind heutzutage massenhaft im Internet zu sehen, ohne dass ein Richter einschreitet.

Kaum noch ein Unfall, eine menschliche Tragödie, die nicht von zufälligen Zuschauern mit gezücktem Smartphone festgehalten und verbreitet wird. Und das in einer Zeit, in der keine Zeitung, kein TV-Sender auch nur das Foto eines verurteilten Massenmörders veröffentlichen darf, ohne zuvor dessen Gesicht durch Verpixeln unkenntlich zu machen.

Es gab schon immer eine Art Gaffer-Tourismus, wenn’s um Leben oder Tod ging.

Psychologe Wolfgang Krüger

Aber im Netz werden alle Anstrengungen zum Personenschutz unterlaufen. Wollen wir wirklich tagtäglich sehen, wie ein Mitmensch blutend am Boden liegt, wie er leidet und vielleicht sogar stirbt? Oder will vielmehr der Mensch mit dem Smartphone einmal in seinem ansonsten uninteressanten, durchschnittlichen Leben zum Facebook-Helden werden, einmal all die Klicks und „Gefällt mir“-Kommentare genießen?

„Es gab schon immer eine Art Gaffer-Tourismus, wenn’s um Leben oder Tod ging“, sagt der Psychologe Wolfgang Krüger. In der Schule haben wir gelernt, die alten Römer seien nun einmal hoffnungslos dekadent gewesen, weil sie sich daran delektiert hatten, wie sich Gladiatoren gegenseitig abschlachten oder wie Christen von wilden Tieren zerfleischt werden.

Das ist 2000 Jahre her, das haben wir nicht weiter hinterfragt, das ging uns nichts mehr an. Im Januar 1757 hatte Robert Francois Damiens seinen König Ludwig XV. bei einem Attentat leicht verletzt. Der Täter wurde knapp drei Monate später in Paris hingerichtet. Die Prozedur zog sich über viele Stunden hin, und die Marter, die sich die Henker ausgedacht hatten, übersteigen die Phantasie selbst des skrupellosesten Sadisten. Die Hinrichtung wurde öffentlich auf der Place de Grève vollzogen vor einer riesigen Menge von Schaulustigen.

Auf dem Platz und in den Straßen drängte sich – wie Augenzeugen berichten – der angebliche Pöbel, in den Fenstern der anliegenden Häuser aber das reichere Publikum, das für diese Logenplätze viel bezahlt hatte. Wie es heißt, hätten die galanten Herren dabei den Damen, damit sie sich hinausbeugen und alles besser sehen konnten, die vorderen Plätze überlassen, um hinter ihnen stehend sexuell auf ihre Kosten zu kommen. Es bedurfte nicht des Marquis de Sade, damals 30 Jahre alt, um den Zusammenhang zwischen Grauen und Sexualität zu dokumentieren.

Ein Gaffer erlebt sogar einen Adrenalinkick. Das kann durchaus süchtig machen.

Psychologe Manfred Thiel

„Es gibt in unserem Gehirn so genannte Spiegelneuronen, durch die beim Betrachter von Unglücken im Gehirn ähnliche Prozesse ablaufen wie bei den Betroffenen selbst“, sagt der Psychologe Manfred Thiel. „Ein Gaffer erlebt sogar einen Adrenalinkick. Das kann durchaus süchtig machen.“

Das war damals so, das ist heute so. In den USA muss die Hinrichtung der zum Tode verurteilten Straftäter in den meisten Bundesstaaten öffentlich vollzogen werden. Doch kommt dazu nicht mehr eine Menschenmasse zusammen, sondern nur eine ausgewählte Schar von Zeugen. Als vor rund zwei Jahren in Arkansas die erforderliche Zahl von mindestens sechs, höchstens zwölf Zeugen gesucht wurde, meldeten sich gleich 48 Interessierte.

Diese Menschen gaffen in einer Mischung aus Sensationsgier, Schadenfreude und der Suche nach einem emotionalen Kick.

Manfred Thiel

„Mein Mann hatte eine Hinrichtung mit angesehen und mich neugierig gemacht“, erzählte eine Frau. „Es ist schon ziemlich komisch, jemanden zu sehen, der sich bereit macht zu sterben.“ Ob Römer, Franzosen, US-Amerikaner oder deutsche Gaffer: In den 2000 Jahren hat sich der Mensch in seinen psychischen Strukturen nicht verändert.

Der emotionale Kick

Um noch einmal Manfred Thiel zu zitieren: „Diese Menschen gaffen in einer Mischung aus Sensationsgier, Schadenfreude und der Suche nach einem emotionalen Kick. Sie erleben Emotionen aus der sicheren Distanz heraus, ohne selbst betroffen zu sein, fast wie ein Fernsehzuschauer, der sich bei einem Krimi gruselt.“ Wolfgang Krüger meint: „Sensationslust ist die simpelste Form, sich Halligalli ins Leben zu holen. Das ist intensiver als ‚Tatort‘ gucken.“

Nun ist sicherlich nicht jeder „Tatort“-Fan ein potentieller Gaffer. Aber auch im Krimi wird das Opfer ja meist nicht bemitleidet, sondern es ist nur notwendiges Objekt für den Aufbau der Spannung. Sensationslust siegt über Empathie.

Letztere empfindet der homo sapiens allenfalls für Menschen, die ihm nahestehen. Kein Römer wird mit leuchtenden Augen zugeschaut haben, wenn sein Kind vom Tiger zerfleischt wurde. Noch nicht hat man davon gehört, dass der Sohn die tödlich verunglückte Mutter, der Vater das sterbende Kind mit dem Smartphone gefilmt und die Bilder ins Internet gestellt hätten. Ob die moderne Technik auch solche Grenzen sprengt?

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