Essay: Deutschland und Griechenland – Ein Missverständnis

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Die Akropolis hoch über Athen. Griechenland – Sehnsuchtsort und Hassobjekt der Deutschen?
Die Akropolis hoch über Athen. Griechenland – Sehnsuchtsort und Hassobjekt der Deutschen? (Foto: dpa)
Rüdiger Suchsland

Jetzt fahren wir wieder los! Zum Beispiel nach Griechenland. Für uns Deutsche schon immer ein sehr besonderes Reiseziel.

„Das Land der Griechen mit der Seele suchend“ sprach Iphigenie 1779 am Strand in Goethes Drama. Dies wurde zur markantesten Formel aller Griechenland-Fans, die sich nun „Philhellenen“ nannten. 24 Jahre zuvor, 1755 wurde die erste Veröffentlichung eines unbekannten Bibliothekars zum Bestseller: „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke“ machte seinen Verfasser Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) über Nacht zum neuen Star der europäischen Kulturszene.

Edle Einfalt, stille Größe

Damit beginnt die bis heute wirksame Geschichte der deutschen Griechenland-Begeisterung. Es ist dies die Geschichte einer heißen Liebe und einer schrecklichen Enttäuschung, einer Faszination, die zu einer Obsession wurde. Bereits in seinem Erstling proklamierte Winckelmann jene „edle Einfalt und stille Größe“ in – angeblicher – Nachahmung der Antike zum Schönheitsideal aller zeitgenössischen Kunst. Der aufkeimenden deutschen Nationalkultur in einem Heiligen Römischen Reich, das in nicht weniger als 1789 Staaten zersplittert war, gab er damit das geopolitische Ideal nationaler Größe, in dem man selbst ein „neues Hellas“ werde: „Der einzige Weg für uns, groß, ja wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten“, heißt es in einer bewusst paradoxen Formulierung von immenser Wirkung und mit enormen politischen Folgen. Es beginnt ein deutscher Sonderweg der Identifikation mit den antiken Griechen, die zum paradiesisch-unschuldigen, aber auch archaischen „Hellas“ idealisiert werden, zu den „lieben Verwandten“ (Hölderlin) der Deutschen.

Das galt für das ganze Land: 1832, in Goethes Todesjahr, wurde mit Otto I. ein bayerischer Prinz griechischer König. Dessen Vater Ludwig I. hatte mit seinem Stararchitekten Leo von Klenze in zahlreichen Bauten (Glyptothek, Ruhmeshalle, Walhalla) einen stark durch das idealisierte Bild beeinflussten Klassizismus begründet.

„Ähnlich wie Luther suchte Winckelmann nach den originalen Kulturvätern der Deutschen, und diese sprachen griechisch. Wer aus Frankreich kam, war nicht wirklich griechisch inspiriert, sondern lateinisch, römisch und christlich,“ schreibt Claudia Schmölders in ihrer neuen luziden Untersuchung „Faust & Helena“ zur deutsch-griechischen Faszinationsgeschichte. An die so facettenreiche wie problematische Geschichte des auf Winckelmann folgenden Weges wurde schon mehrfach erinnert. Zuletzt von Schmölders und dem Germanisten Bernd Witte („Moses und Homer“). Tatsächlich aber hatte bereits 1927 Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ in Winckelmann den „Ausgangspunkt einer der verhängnisvollsten Verirrungen des deutschen Geistes“ gesehen.

Besser belegt, aber nicht weniger vernichtend im Urteil ist die 1935 erschienene Untersuchung „The Tyranny of Greece over Germany“ (Die Tyrannei Griechenlands über die Deutschen). Verfasserin ist die Cambridge Professorin Eliza M. Butler (1885-1959). Der Titel ist psychologisch gemeint: Tyrannei bedeutet Besessenheit. Die Deutschen waren von Griechenland, genauer gesagt von Hellas als dem imaginierten Griechenland, „sklavisch“ besessen, und überidentifizierten sich mit den zusammengeträumten Ideen. Butlers Tenor ist freundlich, sie beschreibt die Deutschen als „unbeholfen spielende Kinder am Meeresstrand“. Sie konzentriert sich auf Winckelmanns Wirkung und schlägt einen großen Bogen über markante Stationen der deutschen Geistesgeschichte: Heine, Nietzsche, Schliemann und George.

Das Hakenkreuz auf der Akropolis

Kurz nach Erscheinen verewigte Leni Riefenstahl die Olympischen Spiele von 1936 in Berlin in ihrem Kino-Zweiteiler „Olympia“ (1938) in einem pseudomythischen, mit Hellas-Anspielungen garnierten Rahmen. Und 1941 besetzte die deutsche Wehrmacht mit Griechenland auch all die deutschen Humanismus-Träume: Die Hakenkreuzflagge wehte auf der Akropolis; SS-Männer luden zu Homer-Lesungen zu Füßen des Parthenon; der ehemalige Gerhart-Hauptmann-Sekretär Erhart Kästner schwadronierte in Stil der Zeit über den Einzug der Wehrmacht auf Kreta: „Da waren sie die blonden Achaier Homers, die Helden der Ilias ... wie jene stammten sie aus dem Norden ... die von den Kämpfen auf Kreta erzählten, die wohl viel heldenhafter, viel kühner und bitterer waren als alle Kämpfe auf Troja.“

Butlers bis heute erhältliches Standardwerk der britischen Germanistik erschien nur einmal 1947 in einer stark gekürzten Fassung auf Deutsch. Bis heute wird es mit seinen provokativen Thesen von der deutschen Germanistik ignoriert oder abgelehnt – nicht hingegen vom Doyen der Schweizer Germanistik, Walter Muschg. Er formuliert ein flammendes Lob auf Butlers „von nationalen Scheuklappen befreite“ Sicht: „Da sie kein Urteil unbesehen nachsprach und sich ihren maliziösen Humor durch keinerlei Rücksichten verkümmern ließ, erregte sie Anstoß ... Die geistige Luft, die hier weht, könnte ein Heilmittel für viele Gebrechen sein, an denen die deutsche Literaturwissenschaft leidet.“

Claudia Schmölders herausragendes, dabei unterhaltsames und sehr süffig zu lesendes Buch ist nicht zuletzt eine Ehrenrettung von Eliza Butler. Aber am Ende geht sie eindeutig darüber hinaus und erzählt von der Nachkriegszeit, von der Zeit nach der Wiedervereinigung, neuen deutschen Grabungen im alten Troja und der Staatsschuldenkrise.

Als Schäuble und Varoufakis debattierten, stand all dies, die ganze 250-jährige Wechselgeschichte aus Achtung und Verachtung, Verehrung und Enttäuschung, mit im Raum. Schmölders schreibt: „Deutschland, das für seine Kriegsgräuel 1941 bis 1945 nie wirklich einstand, wurde zum härtesten Gläubiger.“ Die Befürchtung, „dass gerade die Feinheiten deutschen Kulturdenkens keinerlei Wirkung auf die politische Klasse haben, ja diese womöglich nur mit prätentiöser Selbstsicherheit versorgen“, sei wieder einmal bestätigt worden.

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