Essay: Als die Männer fühlen lernten

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Männerstatue mit Farbklecksen
Arno Brekers Statuen wie hier „Die Partei“ sind Sinnbilder des faschistischen Männlichkeitskults. (Foto: Joe F. Bodenstein, Bearbeitung: SZ)
Rüdiger Suchsland

„Männerphantasien“ – das Wort selbst setzt Phantasien frei. Jeder wird da sofort seine eigenen Bilder vor Augen haben, ein Gemisch aus Männermagazin und Herrenabend, Jagdpartie und Feuerzangenbowle. Auf das, woran Klaus Theweleit dachte, als er dieses Buch schrieb, kommt man erst im zweiten Schritt: Psychoanalyse und deutsche Geschichte.

Theweleits Buch ist ein Mythos, eine Legende. 1977 war es erschienen. Und wer in den 80er-Jahren ein geisteswissenschaftliches Fach studierte, kam nicht daran vorbei. Wer es nicht gelesen hatte, der sagte es besser nicht. Dabei war es nicht gerade zugänglich: Zwei Bände, zusammen über 1000 Seiten, eng bedruckt, mit vielen Bildern in eher mäßiger Schwarzweißqualität; ein großes Taschenbuch, irgendwie schlabbrig, passend zum Schlabberlook seiner anti-bürgerlichen Entstehungszeit, der Inhalt angeblich alles bedeutete. Dumm nur, dass beim Umblättern der dünnen Seiten der dünne Rücken schnell zerbrach .

Das ist jetzt alles anders: In einem einzigen Band, dicker und schwerer als ein Backstein, aber aus anständigem Papier und mit zwei überaus bürgerlichen Lesebändchen in Schwarz und Rot. Ein äußerlich schönes Buch, in dem man gerne liest.

Was als Erstes überrascht: wie gut es sich liest. Kein Jargon, kein Kauderwelsch, kein Fußnotengedöns (obwohl es viele gibt, aber durchaus lesenswerte). Theweleit schreibt gutes flüssiges Deutsch in einer klaren, zugleich sehr persönlichen und unverwechselbaren Sprache. Er erzählt von seiner Frau, der Schreibsituation, aber auch hier nicht zu viel. Er beginnt das Ganze mit einer Betrachtung über seine Familie. Das Erstaunlichste an diesem sowieso erstaunlichen Buch ist, dass so etwas als akademischer Abschluss, als Doktorarbeit durchging. Denn einerseits ist das viel zu dick. Andererseits ist es viel zu persönlich, zu sprunghaft und subjektiv: Mehr Karl May als Karl Marx, ein Roman der Psychoanalyse.

Dass dies eine Dissertation war, spricht für die deutsche Universität, nach Humboldtschem Konzept, in der Bildung eben von Selbstbildung nicht zu trennen ist. Und für Theweleit waren die „Männerphantasien“ Selbstbildung, Selbsterkenntnis und Selbstfindung, sie waren das Fundament seiner Karriere, die den Freiburger Studenten zu einem der bedeutendsten Kulturwissenschaftler seiner Generation machten.

Klaus Theweleits „Männerphantasien“ entstanden als literaturwissenschaftliche Facharbeit. Thema: Die Literatur der Freikorps nach dem Ersten Weltkrieg. Was daraus aber geworden ist, ist eine kulturgeschichtliche Analyse über Männlichkeit und über den Faschismus, vor allem den deutschen. Und über den Zusammenhang von Männlichkeit und Faschismus. Theweleit untersucht Schriften bekannter Autoren wie Ernst Jünger, Ernst von Salomon, Martin Niemöller, streift auch Gottfried Benn, über den er dann in seinem „Buch der Könige“ noch mehr schreiben sollte. Er untersucht auch heute Unbekannte wie Hermann Ehrhardt und Paul von Lettow-Vorbeck. Fast alle Vertreter der „Konservativen Revolution“ in der Weimarer Republik, also rechtsradikale Antirepublikaner, später oft NS-Anhänger.

Aber eigentlich geht es um etwas viel Prinzipielleres: Um die psychische Disposition der Väter und Großväter von Theweleits Generation. Das ist zu jeder Zeit eine gute Frage – 1977 war sie essenziell. Denn der 1942 in Ostpreußen geborene Theweleit, der als Flüchtlingskind und Beamtensohn in Schleswig-Holstein aufwuchs, gehört selbst zur Generation der 68er. Diese kämpfte bekanntlich mehr als jede andere mit ihren Vätern, rang mit dem Erbe des Nationalsozialismus und dem, was sie selbst – oft mit guten Argumenten – als Weiterleben des Faschismus empfanden. Während die meisten 68er den „Marsch durch die Institutionen“ vollzogen, sich als Lehrer, Beamte, Politiker oder anderweitig mit der Bundesrepubkik arrangierten, gab es bekanntlich zwei andere Gruppen, die die Auseinandersetzung mit der Vätergeneration in radikalerer, nichtintegrierter Form fortführten. Die einen gingen in den Untergrund des linksextremistischen Terrorismus. Und 1977, als Theweleit seine „Männerphantasien“ fertig schrieb, eskalierte dieser Terror im „Deutschen Herbst“.

Sein Buch ist eine Auseinandersetzung genau mit diesem Terror und der Frage, wie viel von den Vätern und ihrer faschistischen Psyche in den terroristischen Kindern der RAF fortwirkte.

Theweleits eigene Position steht für die zweite Gruppe: Die APO, diejenigen Linken, die nicht zu Gewalt griffen, die aber den Geist der Revolte von 1968 bewahren wollten. Zum Teil, indem sie Umwelt und Natur schützten, einen Teil der technischen Moderne wie Atomkraft und Autoverkehr bekämpften. Zum Teil, indem sie die Revolte verinnerlichten und „das Bürgerliche“ in sich selbst bekämpften, durch Psychoanalyse und Befreiung des Unbewussten, durch sexuelle Befreiung. All das mündete, auch um 1977, in jene „alternativen“ Bewegungen, die vor genau 40 Jahren in der Gründung der Grünen verschmolzen.

Alle diese Tendenzen sind in Form von Fragestellungen, Denkstilen, Argumentationen und Haltungen in den „Männerphantasien“ präsent. Theweleits Buch ist insofern Zeitgeist pur – und auch etwas veraltet.

Aber zugleich ist das, was er über Männlichkeit sagt, hochaktuell. Zunächst einmal ist es wieder eine faszinierende Zeitreise, in deren phänomenologischen, dichten, sehr sinnlichen Beschreibungen Bilder und Impressionen längst vergessener Männergenerationen und Männlichkeitsbilder wieder aufsteigen: Kruppstahl aber mit Heinz-Rühmann-Gemüt, alte Filme mit Pickelhaubenparaden, Gauleiterreden, Bilder von deutschen Dichtern im Anzug auf südlichen Terrassen, Weiße und Rote in Münchner Schneelandschaft aufeinander schießend. So geht es durcheinander bei Theweleit, aber in einem Bewusstseinsstrom, der einer Logik des Zusammenhangs folgt. Dann aktueller, zu den Spuren des Früheren in der Gegenwart des Buchs: Alte Bundesrepublik, Karl Heinz Köpcke in der Tagesschau, Winfried Scharlau im Mekong-Delta, Peter Scholl-Latour mit dem Ayatollah Khomeini im Flugzeug von Paris über seine Zeit in der Fremdenlegion sprechend; Zigarrenrauch, Kegelabend, die Stimmen von Konrad Adenauer und Herbert Wehner, von Helmut Schmidt und Alfred Dregger im Bundestag, Werner Höfers rauchgeschwängerter, rieslingbefeuchteter „Internationaler Frühschoppen“, Fides Krause-Brewer als einzige Frau dazwischen, die man nicht ausreden lassen muss, und Talkshows mit Dietmar Schönherr und die Art, wie die Männer darin die Zigaretten halten; die Schmisse in den oft ungemein zerschlagenen Gesichtern der ehemaligen Corpsstudenten, die so gar nicht zu den Zweireihern und Westen der älteren Herren passen wollten, die Mercedes 500er der Vorstände der Deutschland AG.

Die Grundthese, die Theweleit mit alldem und in diesem flüssigen Metaphernstil belegt und illustriert: das Fortleben des Faschismus in der „Verpanzerung des Mannes“, nicht nur – das ist wichtig – des deutschen Mannes. Die Frau, „das Weibliche“ ist der Feind, und die Mordlust, die Vernichtungsideen des Faschismus sind eine Form von Weiblichkeitsfeindlichkeit, von Frauenhass.

Darum so der Autor, machten die 68er diese Väter so aggressiv: Es waren weiche Männer, langhaarige Hippies und Ökos, denen die „gesunde Härte“ fehlte.

In seinem aktuellen Nachwort zieht Theweleit hochinteressante, einleuchtende Parallelen von den untersuchten Autoren zu heutigen Rechtsterroristen wie dem norwegischen Massenmörder Breivik. Theweleit deutet auch an, dass #MeToo, androgyne Männer und Transgender-Menschen einen bestimmten Männertyp aggressiv machen.

Der Erfolg dieser Doktorarbeit eines bis dato Unbekannten ist ein Glücksfall. Zu verdanken ist er wohl nicht zuletzt einer Besprechung im „Spiegel“ durch Rudolf Augstein höchstpersönlich. Lange war das Buch vergriffen, seine Wiederauflage kommt zur rechten Zeit. Heute kann man gelassener über die „Männerphantasien“ streiten, aber vor sehr konkreten aktuellen Hintergründen, die neues Anschauungsmaterial bieten.

„40 Jahre, das ist kein Alter“ schreibt Klaus Theweleit in dem umfangreichen Nachwort zur Wiederauflage. Wo er recht hat, hat er recht.

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