Essay

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Nicht so schnell, bitte!
Nicht so schnell, bitte! (Foto: Illustration: SZ)
Claus Wolber

Es war eine gelungene Geburtstagsparty einer Dame in fortgeschrittenem Alter. Der Altersdurchschnitt der Gäste war entsprechend hoch. Zu mir gesellte sich ein Herr, vielleicht Mitte 80, vornehm, gebildet. Eben ein wirklicher Herr alter Schule. Er machte auf einen anderen Gast aufmerksam, fragte nach dessen Begleiterin. Ich musste ihm darauf sagen, dass dieser Herr keine Begleiterin habe, dass vielmehr der Herr in einer anderen Ecke des Raumes sein Ehemann sei. Ein Moment der Verblüffung, dann das Bekenntnis meines Gesprächspartners: Er stehe Homosexuellen wirklich aufgeschlossen gegenüber, habe gewiss keine Vorurteile. Aber er müsse zugeben, dass er sich manches Mal von Entwicklungen in der Gesellschaft etwas überfordert fühle. Ein so schneller Wandel von Ansichten und Einstellungen wie in den vergangenen Jahren sei für ihn manchmal nur schwer zu verarbeiten.

Der alte Herr sprach bewusst von Homosexuellen, nicht von Schwulen. Denn die Bezeichnung schwul hatte er noch als Schimpfwort kennengelernt. Dass der Bundestag 1969 den gleichgeschlechtlichen sexuellen Verkehr unter Erwachsenen legalisierte, war für ihn wie für die allermeisten Deutschen eine längst überfällige Entscheidung. Als 2017 der Bundestag mit großer Mehrheit die gleichgeschlechtliche Ehe möglich machte, stimmte unter anderen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel dagegen. Das war ihre persönliche Gewissensentscheidung, und niemand sollte ihr daraus einen Vorwurf machen. Ebenso wenig dem alten Herrn, der offenbar das Bedürfnis hatte, sich mir gegenüber auszusprechen.

Er dürfte so Anfang oder Mitte dreißig gewesen sein, als die 68er nicht nur gegen den Muff unter den Talaren sondern auch den Muff im Allgemeinen in der Gesellschaft auf die Straße gingen. Also war er damals wohl kaum mehr dabei. Der gesellschaftliche Wandel, den die damalige Jugendbewegung (es waren beileibe nicht nur Studenten) anstieß, wird heute gerne romantisiert und falsch gewertet. Die Gleichberechtigung der Geschlechter zum Beispiel war einem Rainer Langhans oder gar Andreas Baader mit seinen die Frauen herabwürdigenden Sottisen nicht gerade wichtig. Auch für Ehe und Familie hatten sie wirklich nichts übrig. Die gleichgeschlechtliche Ehe mit Standesamt, Kirche, Trauzeugen und Hochzeitsreise hätten sie mit Hohn und Spott bedacht. Spießbürgerlicher Firlefanz statt der propagierten freien Liebe, vor allem für Machos. Das mag man halten, wie man will. Der Erzähler satirisch-erbaulicher Bildergeschichten Chlodwig Poth hat dazu einen Comic gezeichnet. Da treffen sich zwei Freunde nach vielen Jahren wieder und erzählen, wie es den anderen Mitgliedern ihrer alten Clique so geht. Alle leben inzwischen in unterschiedlichen ehelichen oder nichtehelichen Verhältnissen. Nur der eine der beiden muss verlegen und wortreich gestehen: Er und seine damalige Freundin leben immer noch zusammen und sind sogar immer noch glücklich verheiratet. Sagt der andere: „Brauchst dich doch nicht zu entschuldigen. Ich versteh‘ dich doch. Mach‘ dir nichts draus.“

Das war in den 1970ern. Heute gibt es kaum noch eine Form des privaten Zusammenlebens, die nicht den Anspruch erhebt, Ehe und Familie zu sein. Die Patchworkfamilie gilt als besonders progressiv. Bevor sie auf dem Weg zur allgemeinen gesellschaftlichen Akzeptanz, wenn nicht gar zum heimlichen Vorbild war, machte der Witz die Runde: Meine Kinder und deine Kinder verhauen gerade unsere Kinder. Das ist zwar nicht mehr politisch korrekt, dürfte aber trotzdem hin und wieder gesellschaftliche Realität sein.

Doch zurück zu dem alten Herrn auf der Geburtstagsparty. Er hat mich natürlich, wie er es gewohnt war, gesiezt. Unter Älteren ist das selbstverständlich. Nur wenige Situationen sind so peinlich wie jene, in der eine Person auf eine andere zustürzt, die rechte Hand vorgestreckt wie eine Lanze beim Ritterturnier, und „ich bin der Jürgen“ röhrt. Auch das wahllose Duzen gehört zu jenen gesellschaftlichen Veränderungen, die erst einmal verarbeitet werden sollen. Nicht jeder will mit irgendeinem „Jürgen“ oder einem schwedischen Möbelverkäufer auf derselben sprachlichen Basis verkehren wie mit Vater und Mutter, Ehefrau und Kindern. Das mag in Schweden üblich sein, daran sollte man sich als Deutscher vor Ort auch anpassen, aber hierzulande klingt das oft aufgesetzt. Der einstige französische Präsident Valery Giscard d’Estaing und seine Frau siezten sich während ihrer langen Ehe, was sie übrigens nicht daran hinderte, vier Kinder in die Welt zu setzen. Kein Wunder also, dass sich d’Estaing und der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ebenfalls siezten, obwohl sie eine enge politische Freundschaft verband.

Das sind wenige praktische Beispiele für einen gesellschaftlichen Wandel. Er hat nicht nur weite Gebiete des menschlichen Zusammenlebens erfasst, er hat außerdem ein Tempo angeschlagen, das manche Zeitgenossen schwindlig macht. Was die einen als Fortschritt feiern, können andere nicht nachvollziehen. Es gibt Ablehnung oder gar Widerstand, allerdings nur hinter vorgehaltener Hand oder in indirekter Form. Nicht alle, die am Althergebrachten hängen, stellen sich in der Öffentlichkeit gegen den Mainstream. Zu groß ist die Gefahr, gleich mit der Keule der „political correctness“ erschlagen zu werden, um einmal Martin Walsers Spruch zu variieren. Jonathan Portes, Professor für Ökonomie und Politik am King's College London, hat sich mit diesen Leuten befasst. Im Interview verweist er darauf, dass Großbritannien in den vergangenen 30 Jahren gesellschaftlich liberaler geworden sei. „Denken Sie an die Möglichkeit für Homosexuelle zu heiraten. Es gibt eine breite gesellschaftliche Bewegung in der britischen Gesellschaftskultur der vergangenen Jahrzehnte.“ Er weiß jedoch auch: „Es gibt aber Menschen, die diese Bewegung nicht mitgemacht haben, die sich deshalb ausgeschlossen oder zurückgelassen fühlen. Das betrifft ältere Leute und Menschen, die nicht zur Universität gegangen sind.“ Sie haben in Großbritannien eine ganz spezielle Form gefunden, um ihre Unzufriedenheit auszudrücken. „Wir sehen, dass in diesen Gruppen der Anteil der Brexit-Unterstützer besonders groß war – auch wenn das nicht viel mit der EU zu tun hat. Es geht um die Ablehnung einer liberalen großstädtischen Weltsicht, die auch mit der EU verbunden wird. Für den Austritt aus der EU zu sein, war ein Weg, diese Weltsicht abzulehnen.“

Was in Großbritannien der Brexit, ist in den USA Donald Trump. Eine Stimme für ihn ist eine Stimme gegen das, was etwa der Kleinstädter im Mittleren Westen oder der Arbeiter im sogenannten Rostgürtel als eine soziale Revolution wahrnehmen. Diese Leute fürchten Benachteiligung und oft auch eine Abkehr von Moral und rechtem Glauben. Und das gilt ebenso in Deutschland, wo die AfD nicht nur bei radikalen Nationalisten punktet, sondern auch bei jenen, die sich mit ihrer Weltsicht von der Gesellschaft nicht mehr anerkannt und von der Politik nicht mehr repräsentiert fühlen. Trumps Kampfruf „make America great again“ ist deshalb die geniale Formel, um diese Menschen zu mobilisieren.

Aber sie ist auch eine große Lüge. Denn zum einen fragt die Nichte des von einem US-Polizisten getöteten George Floyd zu Recht, wann denn „America great“ gewesen sein soll. Und zum anderen kommt eine Vergangenheit (und gar eine, die es nur als Fiktion gibt) nicht zurück. Weder in den USA noch in Deutschland. Der Fortschritt mag negativ empfunden werden, rückgängig zu machen ist er nicht. Denn er wird ja nicht von irgendwelchen Mächten heimlich ausgeheckt, sondern ist auch die Folge von technischen (z. B. Internet) und politischen (z. B. internationale Verflechtungen) Veränderungen. Aber er braucht die Akzeptanz von möglichst vielen Menschen, andernfalls spaltet er die Bevölkerung. So wichtig zum Beispiel der Kampf gegen Rassismus ist, so wenig hilfreich ist der pauschale Vorwurf, dass wir alle im Grunde unseres Herzens rassistisch fühlen und denken würden. Nicht alle Fortschrittsskeptiker möchten in Generalverdacht genommen werden mit den echten Rassisten, die es leider unter uns gibt. Auch der alte Herr, der seine Probleme hat bei der Frage, was heutzutage alles als Ehe gilt, möchte deshalb nicht in die Gesellschaft von Schwulenhassern gestellt werden. Frau Merkel übrigens auch nicht.

Die Menschen dort abholen, wo sie stehen, ist einer der unsäglich platten Sprüche, die in jüngster Zeit die Debatte prägen. Es täte dem Zusammenhalt der Gesellschaft gut, wenn diejenigen, die das sagen, auch danach handeln würden.

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