Essay über die Reaktionen auf Corona: Die Generation Vollkasko

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Der Individualismus hat Teile der Gesellschaft egoistischer und ängstlicher gemacht. (Foto: Christian Ohde via/ Imago Images)

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieser Text bezieht sich auf gerade vielfach sichtbare Phänomene. Mir ist bewusst, dass es eine große Menge Menschen gibt, die einen kühlen Kopf bewahren und so handeln, wie es im Augenblick angezeigt ist. Wäre schön, wenn das die Mehrheit bliebe.

In meiner Kindheit hatte ein Schnupfen fast schon etwas Romantisches an sich. Denn da gab es noch Hausärzte, die man auch morgens um zwei Uhr anrufen konnte, wenn wirklich was Gravierendes war, etwa die böse Galle eine Kolik auslöste. Und sogar das profane Aspirin ließ sich vom Herrn Doktor selbstverständlich zum Nulltarif verschreiben. Kurz gesagt: Die Möglichkeiten eines Kassenpatienten waren so gut wie unbegrenzt. Was sollte schon passieren? Das vermittelte mir als Knaben und jungem Kerl ein Gefühl von totaler Sicherheit. Ja es verstärkte den der Jugend innewohnenden Irrtum, man sei praktisch unverwundbar, unverletzlich, so sicher wie man nur sein kann. Ausnahmen ausgeschlossen, weil nicht vorgesehen.

Und jetzt das: Netz und doppelter Boden unserer Lebenswirklichkeit erweisen sich als löchrig, durchsiebt von einem gemeinen Virus, das man nicht mal sehen kann, geschweige denn greifen. Und das sich real weniger durch unser Immunsystem frisst, sondern in erster Linie durch das Vertrauen in eine westliche, zivilisierte, medizinisch höchst entwickelte Welt, die uns bislang als Bastion vorgekommen ist: Seuchen, Tsunami, Erdbeben, Atomkatastrophe, Dürre oder Flut – das waren doch immer nur die anderen. Bei uns Mittvierzigern hieß doch Krise bis jetzt: Stau vor dem Brenner Basistunnel zu Ferienbeginn. Oder in früheren Zeiten: Die Tankstellen haben zu und es fehlt das Kleingeld für den Zigarettenautomaten.

Das Heilsversprechen, wonach sich jedermann ohne allzu viel Rücksicht auf den Rest der Welt verwirklichen darf, lässt sich unter den jetzigen Umständen nicht mehr einlösen. Dass wir das gar nicht richtig fassen können, uns gegen die Vorstellung der Hilflosigkeit, die dahinter steckt, auflehnen, ist vielleicht noch ganz gut nachvollziehbar. Wir haben immer vermittelt bekommen, dass wir alles schaffen können und zuerst auf uns selber achten sollen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Wozu hat man Ellenbogen? Und jetzt soll man sich vorschreiben lassen, wie man zu leben hat? Nicht mit uns!

Das ist eine Erklärung dafür, wie Teile dieser Generation Vollkasko jetzt auf die reale Bedrohung reagieren. Die einen bestehen auf ihrer als unverbrüchlich empfundenen Individualität, indem sie zum Beispiel demonstrativ Leute umarmen oder Hände schütteln. die Cafés bevölkern, sich Bussi austauschend durch den vollen Viktualienmarkt in München drängeln. Als Teil der Selbstdarstellung und zugleich als Inszenierung eines eigenen Kopfes, der ungeachtet dessen, was faktisch und inhaltlich in der jetzigen Situation geboten ist, aus Prinzip gegen den Strom schwimmt. Als Herablassung all jenen Strebern gegenüber, die so dumm sind, sich an die Regeln zu halten. Als das Feiern der eigenen Persönlichkeit über den Rest der Welt. Diese Ignoranten halten ihr Handeln für den Ausdruck von Gelassenheit, weil ihnen der Unterschied zur fatalistischen Gleichgültigkeit nicht bekannt ist. Auch nur die Möglichkeit verleugnend, dass ihre Egomanie Folgen haben kann – weniger für sie selbst als für andere. Sich darum nicht zu scheren, ist Ausdruck eines pervertierten Individualismus.

Auf der anderen Seite der Skala stehen Menschen, die jetzt auf ganz besondere Weise verletzlich reagieren. Die sich augenreibend in einer Situation wiederfinden, die sie bisher nicht ansatzweise kannten. Und deren Ur- und Weltvertrauen dadurch in Trümmern liegt. Die jenseits der gebotenen Besonnenheit aus Angst einen ähnlich schädlichen Egoismus entwickeln wie die Virus-Kleinreder. Eine Angst, die sie Klopapier bis unter die Dachkante hamstern lässt. Die mit ihren Nudelvorräten bis Mitte 2021 hinein Spaghetti Napoli essen könnten. Und die Ärzte und Hotlines mit ihrer Übererregung lahmlegen und verhindern, dass die vollen Kapazitäten dort wirken können, wo sie wirklich gebraucht werden.

Ein Freund berichtet, dass am Freitag vor einer Woche in seinem Betrieb – ein größerer Mittelständler – bei einer Versammlung der Appell an alle Mitarbeiter ergangen sei, auf Reisen generell zu verzichten. Sein Kollege habe das ignoriert und sei stattdessen nach Tirol zum Wellnessen gefahren, obwohl zu der Zeit bereits die Landesregierungen gebeten, ja fast gebettelt haben, genau sowas jetzt dringend zu unterlassen. Anfang der Woche erschien der Mann dann mit Fieber an seinem Arbeitsplatz. Er sei sofort nach Hause geschickt worden – aber ob er sich wirklich an die Quarantäne hält, bleibt bei der Vorgeschichte fraglich.

Natürlich gibt es auch ältere Menschen, die sich für unverwundbar halten und entsprechend sorg- und rücksichtslos handeln. Und ich selbst spüre auch den Impuls, ohne Not Dinge zu tun, die ich gewohnt bin und die ich mir später bequem schönreden kann: Dieser eine Kaffee an der Promenade wird schon nichts machen. Diese Begegnung mit den Freunden, die sind doch gesund, was soll da schon passieren? Es ist generell nicht leicht, die Kompetenz für die eigenen Lebensumstände in die Hände fremder Menschen zu legen: in die von Wissenschaftlern und Politikern. Denn die könnten ja falsch liegen, nicht wahr? Dann wäre ja meine ganze Vorsicht und Rücksichtnahme verschwendet. Aber was, wenn sie doch recht haben?

Mir hilft in dieser Situation das Mantra, mich selbst um Gottes Willen nicht so wichtig zu nehmen. Ich ermahne mich, mich als Teil einer Gemeinschaft zu begreifen, von deren Bestand ich profitiere. Denn dann nimmt die Gefahr ab, dass ich dem Irrglauben aufsitze, es besser zu wissen als alle Profis, die von Berufs wegen mit Viren und deren Gefahren zu tun haben. Und nur, weil alles vielleicht doch nicht so schlimm kommt und am Ende weniger Menschen als gedacht sterben, gibt mir das noch lange nicht das Recht, es auf Kosten anderer darauf ankommen zu lassen. Nur damit mir niemand nachsagen kann, ich ließe mir vorschreiben, wie ich zu leben hätte.

So ein Wohlstandstrotzkopf will ich nicht sein. Lieber jetzt die Zähne zusammenbeißen, den eigenen Radius aufs Allernotwendigste verkleinern und versuchen, aus dieser Krise ein Stück Erfahrung mitzunehmen, um in Zukunft mental besser vorbereitet zu sein auf die Unwägbarkeiten einer unberechenbarer gewordenen Wirklichkeit. Und nie zu vergessen, dass auch Netz und doppelter Boden zu wanken beginnen können. Selbst im Vollkasko-Luxus unserer Wohlstandsgesellschaft, die bereits jetzt nicht mehr das ist, was sie einmal war.

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