Erster Weltkrieg: Jörn Leonhards neues Buch

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Von der Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11. November 1918 in Compiègne gibt es kein Foto, dafür aber zahlreiche Bilder,
Von der Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11. November 1918 in Compiègne gibt es kein Foto, dafür aber zahlreiche Bilder, die das historische Ereignis illustrieren sollen. Doch auch diese französische Darstellung mit Marschall Foch (rechts Mitte) und Matthias Erzberger (Dritter von links) zeigt nur, wie es gewesen sein könnte, nicht wie es war. Frühes Reenactment sozusagen. (Foto: imago Images)
Reinhold Mann

Auch wenn wir heute ganz selbstverständlich vom „Ersten Weltkrieg“ sprechen: Was uns in den Sinn kommt, ist vor allem die deutsche Perspektive, vielleicht eine europäische. Die „Welt“ haben wir dabei so wenig im Blick wie die Herkunft des Krieges aus dem Zeitalter des Imperialismus. Daher sind die Bücher Jörn Leonhards so außergewöhnlich. Keine Neuerscheinung zu den Ereignissen, die vor 100 Jahren stattgefunden haben und deren Folgen bis heute virulent sind, hat die weltweiten Auswirkungen so selbstverständlich und so kenntnisreich im Blick wie die Bände des Freiburger Historikers.

Auf dem Weg nach Versailles

Leonhards neues Buch heißt „Der überforderte Frieden“. Der Titel zielt auf den Vertrag von Versailles. Der hat 1919 den Krieg im Westen Europas beendet und nach langer Vorbereitungszeit dann doch eine heikle Konstellation fixiert, mit Keimen für den nächsten Konflikt. Das Buch holt aber weiter aus, als der Titel andeutet. Es handelt sich um den zweiten Teil der Weltkriegsdarstellung Leonhards. Hat man ihn gelesen, wird man es für undenkbar halten, sich einen angemessenen Begriff des Weltkriegs machen zu können, solange man eine nationale Perspektive allein verfolgt.

Von dem Ansatz abgesehen, die imperialen Zusammenhänge und Auswirkungen aufzuzeigen: Leonhard versteht es, gut zu erzählen und klug zu disponieren. Und er hat, was ein Umfang von 1500 Seiten nicht nahelegt, die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf den Punkt zu bringen.

Fatale Dolchstoßlegende

Ein Beispiel ist seine Beschreibung der beiden Monate im Herbst 1918: vom Eingeständnis der Obersten Heeresleitung Mitte September, dass der Krieg für Deutschland nicht mehr zu gewinnen ist, bis zum Waffenstillstandsgesuch im November. Leonhard benötigt dafür einen Bruchteil der Seiten, die ein anderer, gerade für die deutsch-französischen Verhältnisse so kompetenter Historiker wie Gerd Krumeich braucht. Krumeich bringt seinen Lesern mit psychologischer Begrifflichkeit nahe, was es damals bedeutet haben muss, als Hindenburg und Ludendorff der deutschen Öffentlichkeit von heute auf morgen das Eingeständnis der Niederlage vorsetzten, nachdem sie sie zwei Jahre lang mit Durchhalteparolen aufgeputscht hatten. Die Folgen dieser plötzlichen Kapitulation wurden selber bedrohlich. Dazu gehört Walther Rathenaus entsetzt-verzweifelte Idee, mit einer letzten Massenmobilisierung wenigstens die wirtschaftliche Zukunft des Reiches zu retten. Vor allem die fatale Dolchstoßlegende zählt dazu. Sie lieferte die vermeintliche Erklärung, warum die Niederlage so unversehens kam. Und entlastete zugleich die Verantwortlichen: Hindenburg und Ludendorff.

Überraschendes Ende

Leonhard benötigt zwei Sätze, um klare Verhältnisse zu zeichnen: „Um das Ende des Weltkriegs angemessen interpretieren zu können, muss der Historiker zwischen der objektiven Situation in der Schlussphase des Krieges und der zeitgenössischen Wahrnehmung der Menschen unterscheiden. Die Niederlage kam für die deutsche Durchhaltegesellschaft überraschend, und sie war nicht vorbereitet – das unterschied sie fundamental vom langen Ausgang des Zweiten Weltkriegs“.

Im nächsten Schritt vergleicht Leonhard das Kriegsende in Deutschland mit dem der Verbündeten, der Donaumonarchie, dem Osmanenreich und Bulgarien. Dann wieder ein Perspektivenwechsel: Er zeichnet nach, dass das Kriegsende sogar für die Alliierten überraschend kam. Einige Militärs glaubten, das Reich stelle ihnen eine Falle und habe geheime Reserven. Daher die harschen Bedingungen des Waffenstillstandsabkommens. Sie sollten, schreibt Leonhard, das Kriegsende „unhintergehbar und unwiderruflich“ machen.

Frankreich konnte Verluste tragen

Schließlich standen nicht allen Militärs der Alliierten die Kräfteverhältnisse und die strategischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, so klar vor Augen wie dem französischen General Foch. Er kalkulierte, dass Frankreich den Krieg länger in Kauf nehmen konnte. Es war in der Lage, Verluste auszugleichen: Opfer, indem es neue Soldaten aus seinen Kolonien in Afrika rekrutierte; Material, weil die USA seit 1917 ihre Industrie bereitstellte. Und weil die Kriegsproduktion ihre Volkswirtschaft davor bewahrte, in eine Rezession abzugleiten.

Leonhard spricht hier von einer „strukturellen Asymmetrie“. Denn für die Mittelmächte in Europa war die Lage umgekehrt. Ihnen lief die Zeit davon. Deutschland litt unter einer Versorgungs- und Hungerkrise, mehr noch das Habsburger Reich. Das Handelsembargo der Alliierten traf die Zivilbevölkerung. Die Verteuerung der Lebensmittel löste die Streikwelle der Industriearbeiter aus, die von Wien Richtung Süddeutschland rollte. Selbst die neutrale Schweiz, von der Blockade allmählich mit betroffen, geriet beim Landesstreik 1918 in eine schwierige Situation: in die Angst vor einer Revolution.

Bedingungen werden diktiert

Die deutschen Hoffnungen richteten sich 1918 auf den amerikanischen Präsidenten. Es waren wirklichkeitsfremde Einschätzungen. Sie lösten Wilson aus seinen innenpolitischen Interessen und außenpolitischen Zwängen, als sei er souveräner Ersatzkaiser, gütige Vaterfigur und vertrauter Anwalt in einer Person. Die Bitte um Waffenstillstand wurde an ihn gerichtet: „Wie ein Schreiben an einen Rechtsanwalt, durch den man ihn ersucht, die Vertretung in einem Prozess zu übernehmen“, zitiert Leonhard den skeptischen deutschen Botschafter in Bern, Gisbert von Romberg. Romberg ließ das Gesuch über die Schweizer Regierung am 4. Oktober 1918 nach Washington telegrafieren. Als die deutsche Abordnung dann in Compiègne ankam, war es der einsilbige General Foch, der sie in seinem berühmten Salonwagen empfing. Sofort sondierte Matthias Erzberger die Begleitung: Amerikaner waren nicht darunter. Die Bedingungen der Kapitulation wurden nicht ausgehandelt. Foch ließ sie vortragen.

Leonhard bindet systematisch Einschätzungen von Zeitgenossen in seine Darstellung ein. Es sind Kommentare von ausgesuchter Hellsichtigkeit und Prägnanz: Im Falle des Waffenstillstands von Compiègne eine Tagebuch-Eintragung von Siegfried Sassoon, der damals in England ein vielgelesener Autor war, Kriegsfreiwilliger und hoch dekorierter wie höchst unkonventioneller britischer Offizier. Seine Notiz bedarf einer Erklärung, um die Pointe zu verstehen.

A peace to end peace

Über die Prinzipien des Friedensschlusses hatte sich Wilson mit Lenin vor der internationalen Öffentlichkeit einen diplomatischen Wettstreit geliefert: Lenin postulierte das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Wilson zog nach und propagierte den universellen Anspruch, mit dem zackigen Kaiser den Militarismus als Quelle allen Übels niederzuringen. Amerika, so die Formel, führe nicht Krieg gegen ein Land oder gegen ein Volk, sondern nur, um den Krieg endgültig abzuschaffen: „A war to end war.“ Zum Waffenstillstand von Compiègne notierte Siegfried Sassoon nun die sarkastische Formel, das sei ein Friede, um den Frieden abzuschaffen: „A peace to end peace.“

Leonhard knüpft an die messerscharfe Pointe eine generelle Anmerkung. Man müsse sich von der Vorstellung lösen, alles sei so gekommen, wie es habe kommen müssen. Man dürfe die Entwicklungsmöglichkeiten nicht vorschnell auf das reduzieren, „was am Ende eingetretene Wirklichkeit geworden ist“. Für ihn ist die Zeit vor 100 Jahren, zwischen Waffenstillstand und Friedensvertrag, ein „offener Moment des 20. Jahrhunderts“.

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