Er verwandelte Spaghetti-Western in Opern: Ennio Morricone ist tot

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 I n Venedig wurde einst seine erste Komposition uraufgeführt. 2009 ließ sich Ennio Morricone dort bei den Filmfestspielen impos
I n Venedig wurde einst seine erste Komposition uraufgeführt. 2009 ließ sich Ennio Morricone dort bei den Filmfestspielen imposant in Szene setzen. (Foto: imago Images)
Reinhold Mann

Die Liste seiner Filmmusiken scheint unendlich zu sein. Hierzulande am bekanntesten, am berühmtesten ist gewiss „Spiel mir das Lied vom Tod“ von Sergio Leone (1984). Andere, ebenfalls legendäre Filme treten da fast schon in den Hintergrund: „1900“ von Bernardo Bertolucci (1976), „Il Prato“ von Paolo und Vittorio Taviani (1979), „The Mission“ von Roland Joffé (1986), „Die Unberührbaren“ von Brian De Palma (1987), „Cinema Paradiso“ von Giuseppe Tornatore (1988) oder „In The Line of Fire“ von Wolfgang Petersen (1993). Und nicht zu vergessen: „The Hateful Eight“ (2015) von Quentin Tarantino.

Hollywood-Filme zeigen gerne, wie jemand endlich das erreicht, wofür er ein Leben lang gekämpft hat. Und so geben sich auch Filmgrößen gern gerührt, wenn man ihnen einen Oscar in die Hand drückt. Aber das, wofür jemand bekannt geworden ist, muss nicht das sein, was ihm am Herzen lag. Ennio Morricone, der nun im Alter von 91 Jahren in Rom gestorben ist, ist im kollektiven Gedächtnis als musikalischer Meister des Spaghetti-Westerns fest verankert, ein Begriff, der auch in der sprachlich sensibel gewordenen Filmbranche noch fortlebt.

Mit Filmmusik das tägliche Brot verdient, aber eigentlich klassischer Komponist

Ennio Morricone hat vor einigen Jahren hochgerechnet, dass er wohl 12.000 musikalische Motive für Filme geschrieben hat. Er war Filmkomponist im Brotberuf, von seiner Ausbildung und seinen Studien her aber ein klassischer Komponist der Nachkriegszeit. Er schätzte Kollegen wie Luigi Nono oder Luciano Berio.

Ennio Morricone
Ennio Morricone ging auch im hohen Alter noch auf Tournee. (Foto: Jörg Carstensen / DPA)

Für sein erstes Orchesterstück, an dem er ein Dreivierteljahr gearbeitet hatte, bevor es in Venedig uraufgeführt wurde, bekam er 60.000 Lire. Die Summe, nicht mal eine Hand voll Dollars, machte ihm klar: Damit ist eine Familie nicht zu ernähren. Und: Das italienische Konzertpublikum mag keine modernen Stücke. Morricone orientierte sich um: Er schrieb fürs Varieté, fürs Radio, fürs Fernsehen. Und 1961 dann seine erste Filmmusik. Daraus ist im Laufe seines Lebens der Sound von fast 500 Filmen geworden.

Fürs Konzerthaus hat er dann erst wieder in den 1980er-Jahren zu komponieren begonnen. Und seitdem ist er auch als Dirigent seiner Werke aufgetreten. 2019 gab er eine Abschiedstournee durch Europa, dieses Jahr trat er noch im Senat in Rom auf, sein letztes Konzert.

Ennio Morricone
Ennio Morricone 2016 bei einem Konzert in Helsinki. Der Komponist starb im Alter von 91 Jahren. (Foto: Heikki Saukkomaa / DPA)

Aber auf dem Programm stand dann doch meist die Filmmusik, mit der er berühmt wurde – eben die der Spaghetti-Western: „Für eine Handvoll Dollar“, „Zwei glorreiche Halunken“, „Leichen pflastern seinen Weg“, „Mein Name ist Nobody“.

Von der "Es war einmal"-Geschichte zur Western-Oper

Mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ gelang es Morricone, eine maulfaule „Es war einmal“-Geschichte in eine Western-Oper zu verwandeln, die jede Figur mit einem eigenen musikalischen Thema feiert. Den Effekt, der dabei entsteht, hat der Komponist mit einem römischen Sprichwort beschrieben: den Papagei zum Papst machen. Die Bilder sind stark, aber die Musik ist stärker. Die Abstimmung ist ungewöhnlich dicht, vor allem, wenn man den Film in Sergio Leones ungekürzter Fassung sehen kann, die den Bildern Weite und der Musik Zeit gibt – und damit das opernhafte Format.

Geforderte klassische Motive versteckte er gut

Aber nicht jede Zusammenarbeit Morricones war so kongenial wie die mit seinem Schulfreund Sergio Leone. Pier Paolo Pasolini hatte ganz andere Erwartungen. Zur ersten Begegnung kam der Regisseur mit konkreten Vorstellungen, welche Musik Morricone imitieren und variieren sollte. Morricone hat ihm das abgeschminkt. Trotzdem habe Pasolini zu jedem Film ein bestimmtes klassisches Motiv gewünscht, hier ein neapolitanisches Lied, da eine Sequenz aus Mozarts Requiem. Aber das habe er dann in die Filmmusik so eingebunden, dass Pasolini es von sich aus gar nicht mehr erkannte.

Es gibt nur einen Grund, warum ich mich so verabschiede und ein privates Begräbnis haben möchte: Ich möchte nicht stören.

Ennio Morricone in seinem eigenen Nachruf

Morricone konnte sich auf seinen Einfallsreichtum und seine stilistische Vielfalt verlassen. Beim Ansehen der Filmbilder seien ihm die musikalischen Themen einfach so zugeflossen. Er hat seinen Auftraggebern auch nicht nur einen Vorschlag eingereicht, sondern einen Strauß von Themen.

Der zweite Oscar mit 87 Jahren

Quentin Tarantino, der in allen seinen Filmen stets filmische Zitate verarbeitet, zitiert auch oft Musik von Ennio Morricone. In „The Hateful Eight“ ging er aber über Zitate hinaus. Der Soundtrack stammt vom Meister selbst. Dafür hat Ennio Morricone seinen zweiten Oscar bekommen – mit 87 Jahren.

Morricone schrieb sich selbst einen Nachruf. Darin äußerte er den Wunsch nach einer kleinen Beerdigung: „Es gibt nur einen Grund, warum ich mich so verabschiede und ein privates Begräbnis haben möchte: Ich möchte nicht stören“, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa daraus. Der Musiker erwähnt Freunde, Familie, seine vier Kinder und seine Enkel. Er erinnert an seine Frau Maria, die er 1956 heiratete, mit den Worten, es sei eine „außergewöhnliche Liebe, die uns zusammenhielt und die ich leider aufgeben muss“.

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