Eine unorthodoxe „Salome“ in München

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 In der Münchner „Salome“ sind alle Figuren der Oper Juden. Kippa und siebenarmiger Leuchter lassen keine Zweifel daran. In der
In der Münchner „Salome“ sind alle Figuren der Oper Juden. Kippa und siebenarmiger Leuchter lassen keine Zweifel daran. In der Titelrolle: Marlis Petersen im roten Kleid. (Foto: WILFRIED HOESL)
Klaus Adam

Eine der Neuinszenierungen bei den Münchner Opernfestspielen, die mit Spannung erwartet wurde, war Richard Strauss’ „Salome“. Und tatsächlich fasziniert Straussens Geniestreich auch 115 Jahre nach der Uraufführung, zumal die Regie eine faszinierende neue Sicht auf das Werk bietet. In der Bayerischen Staatsoper gab es bei der Premiere Jubel für die Sänger, Ovationen für den Dirigenten Kirill Petrenko, Bravo und allerdings auch Buhs für das Regieteam Krzysztof Warlikowski/Malgorzata Szczesniak.

„Salome“ ist nach „Rosenkavalier“ die am meisten geschätzte Oper von Richard Strauss, nun schon zum siebten Mal im München der Nachkriegszeit inszeniert. Die Geschichte von dem triebunterworfenen Teenager aus königlichem Haus und dem keuschen Propheten Jochanaan hat das Matthäus-Evangelium in Kapitel 14 überliefert. Strauss komponierte das von Oskar Wilde verfasste Drama 1903/05. Seine „Salome“ hebt mit dem berühmtesten Klarinettenlauf der Opernliteratur an – in dieser Neuproduktion allerdings erst nach geraumer Zeit: Warlikowski hat eine Kabarettszene vorausgestellt. Sie ist Teil des Konzepts, die Handlung in die Kriegstage 1939/45 zu verlegen. Statt eines exotischen Märchens aus der Zeitenwende erleben wir das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte.

Angesiedelt in einer Bibliothek

Anstatt auf das Land Judäa samt Palast des Herodes blicken wir in eine Bibliothek mit Nebenräumen und Keller, in denen sich verfolgte Juden verstecken können. Der zunächst befremdliche Einschub macht begreiflich, dass der Regisseur durch Kostüme, Kleidungsstücke wie Kippa oder Tallitt nur Wilde/Strauss im Erscheinungsbild umsetzt: Alle Gestalten der Oper sind Juden, ausgenommen der Prophet und die beiden Nazarener, die sich vom Glauben Moses abgewandt haben. Der Regisseur hat seine aufwühlende Konzeption faszinierend umgesetzt, als puren ästhetischen Sinnenreiz lässt sich diese „Salome“ allerdings nicht erleben. Kirill Petrenko steigert mit dem Orchester die dramatischen Passagen grandios, erfüllt aber auch des Komponisten Wunsch, Delikates „wie Mendelssohns Elfenmusik“ erklingen zu lassen.

Marlis Petersen ist als Lulu 2015 unvergessen, für Salome sollte sie sich noch Zeit lassen, Tiefe gewinnen und sinnliche Belcanto-Fülle. Imponierend Wolfgang Koch als Jochanaan. Für einen Tenor wie Pavol Breslik hätte Strauss den Selbstmord Narraboths hinausschieben sollen, Herodes sollte man mit einem stimmgewaltigeren Tenor besetzen als Wolfgang Ablinger-Sperrhacke. Ein Pauschallob für alle Mitwirkenden in den kleinen Rollen.

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