„Eine Lücke im kränkelnden Markt“

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Sebastian Guggolz
Sebastian Guggolz (Foto: Alena Schmick)
Schwäbische Zeitung

Manchmal muss man in die Vergangenheit reisen, um die Gegenwart zu verstehen. Nach diesem Motto arbeitet der gebürtige Ravensburger Sebastian Guggolz. In Zeiten, in denen eine Buchhandlung nach der anderen zumacht und E-Books herkömmlichen Büchern den Rang ablaufen, hat der 32-Jährige in Berlin einen kleinen Verlag gegründet. Die Autoren, die er verlegt, sind tot, ihre Bücher unbekannt. Mit Jasmin Bühler sprach Guggolz über das Konzept seines Verlags, die Liebe zu Büchern und einen möglichen Umzug nach Ravensburg.

Herr Guggolz, die Buchbranche hat es derzeit nicht gerade leicht. Warum gründen Sie ausgerechnet jetzt einen eigenen Verlag?

Ich glaube den Unkenrufen nicht, die einen Untergang des Buches heraufbeschwören. Mit Sicherheit wird es tiefgreifende Veränderungen und Ausdifferenzierungen geben. Aber ich glaube nicht, dass das zu Lasten von guten und schönen Büchern geht. Im Gegenteil: Die Sehnsucht nach solchen Büchern nimmt zu. Ihr Wert steigt. Es gibt da eine Lücke im kränkelnden Markt, in die man als kleiner Verlag stoßen kann.

Bislang haben Sie Werke des Finnen Frans Eemil Sillanpää und des Weißrussen Maxim Harezki verlegt (siehe Kasten). Das sind Namen, die man hierzulande nicht unbedingt kennt – geschweige denn aussprechen kann. Was ist die Idee dahinter?

Klar, das Programm ist ziemlich speziell. Aber mein Konzept ist, als Verlag eine Marke mit Wiedererkennungswert zu schaffen. Im Fokus stehen vergessene Autoren, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts publiziert haben, aber im Strudel der Zeit untergegangen sind. Es sind Autoren, die völlig zu Unrecht vergessen wurden, wie ich finde. Deshalb möchte ich sie wiederentdecken und neu übersetzen lassen.

Das sind also persönliche Lesevorlieben?

Ja, der eigene Geschmack spielt schon eine Rolle. Ich interessiere mich für Bücher, die aus heutiger Sicht historisch sind. Es ist spannend zu sehen, welche Parallelen sie zur heutigen Welt haben und was man von ihnen lernen kann. Sie machen die Gegenwart verständlich und helfen dabei, sie besser einschätzen zu können.

Wie reagieren Buchhandlungen und Leser auf Ihr Verlagskonzept?

Die meisten sind erst einmal verwundert, dass man einen Verlag mit alten Büchern gründet. Aber das Interesse dafür ist da. Die Bücher werden besser verkauft als ich angenommen habe. Vor allem das Buch des Finnen Sillanpää kommt sehr gut an. Fast alle der 2000 Exemplare sind weg. Bei Harezki betrug die Auflage 1500 Stück, davon sind schon mehr als die Hälfte verkauft. Und es ist immer schön, wenn ich von Leuten höre, dass Ihnen die Bücher gefallen haben.

Als E-Books gibt es Ihre Bücher nicht.

Nein. Mal abgesehen davon, dass ich selbst Bücher nicht gerne als E-Book lese, sind auch die Texte nicht geeignet dafür. Vielmehr sind es Texte, die man gerne als Buch hat, als Gegenstand zum Anfassen und Angucken. Aber sollten es die Leser irgendwann verlangen, werde ich mich darauf einlassen.

Sie hatten vor Ihrer Selbstständigkeit eine Festanstellung als Lektor beim Verlag Matthes & Seitz Berlin. Weinen Sie der beruflichen Sicherheit und dem festen Einkommen nicht nach?

(lacht) Reich werde ich mit meinem Verlag bestimmt nicht. Aber das will ich auch nicht. Man kann die finanzielle Sicherheit wählen oder die berufliche Freiheit. Die erlaubt es einem, das zu machen, was einem Spaß macht. Das habe ich mir ausgesucht – und das mache ich solange es geht.

Warum haben es Ihnen Bücher denn so angetan?

Lesen ist eine einsame Tätigkeit und eine bestimmte Form der Konzentration. Man besinnt sich auf sich selbst und auf das Buch. Alles andere wird ausgeblendet. Das mag ich und das brauche ich.

Sie kommen ja aus Ravensburg. Haben Sie sich mal überlegt, den Verlagssitz dorthin zu verlagern?

Ja, im Ernst. Ich liebe Ravensburg. Meine ganze Familie wohnt noch dort in der Region. Und ich finde, dass es eine lebenswerte und schöne Stadt ist. Vor allem der Markt mit den regionalen Produkten hat es mir angetan. Ich bin oft zuhause. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass ich mitsamt meinem Verlag wieder nach Ravensburg komme.

Die Bücher

Rund 90000 Neuerscheinungen gibt es pro Jahr. Zwei von ihnen hat der Guggolz Verlag herausgebracht: Das erste Buch heißt „Frommes Elend“, ist 1919 entstanden und das Werk von Frans Eemil Sillanpää, dem einzigen finnischen Nobelpreisträger. In „Frommes Elend“ geht es um einen armen Bauern, der Mitte des 19. Jahrhunderts geboren wird, zu einer Zeit, die von Umbrüchen geprägt ist: Finnland will sich von einer jahrelangen Fremdherrschaft – erst durch Schweden, dann durch Russland – befreien und stürzt 1918 schließlich in den Bürgerkrieg. Der Roman erzählt von den Entbehrungen und Bemühungen des einfachen Bauern um ein menschenwürdiges, anständiges Leben zu dieser schwierigen Zeit. Das zweite Buch ist „Zwei Seelen“ des weißrussischen Autors Maxim Harezki. Hier gerät der Sohn eines vermögenden, weißrussischen Gutsbesitzers zwischen die Fronten der Revolution 1917/18. Er ist hin- und hergerissen zwischen der Notwendigkeit sozialer Veränderung und der Ablehnung von Brutalität und Gewalt. Harezki schrieb den Roman über die Revolutionswirren aus dem Herzen des Geschehens, als eine historische Einordnung noch lange nicht möglich war – was es zu einem literarischen Zeitdokument macht.

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