Ein Plädoyer für Halloween: Türen auf, Nachbarn kennenlernen

Ein ausgehöhlter, zu einem Gesicht geschnitzter Kürbis steht an Halloween an einer Straße im Herbstlaub: Das Fest hat sehr alte
Ein ausgehöhlter, zu einem Gesicht geschnitzter Kürbis steht an Halloween an einer Straße im Herbstlaub: Das Fest hat sehr alte Wurzeln, in unserer Region ist es aber noch recht neu. Anstatt es vehement abzulehnen, sollten wir seine vielen positiven Seiten willkommen heißen. (Foto: Thomas Warnack/dpa)
Redakteur

Der Abend vor Allerheiligen ist vielen Leuten bis heute nicht ganz geheuer, weil sich eines auch bei uns immer stärker durchgesetzt hat: Halloween. Also jene Nacht, in der mehr oder minder gruselig verkleidete Knirpse – zumeist unter Begleitschutz einer fürsorglichen Mama – von Haus zu Haus ziehen, um den Leuten Süßigkeiten abzupressen.

An Halloween gibt es Süßes oder Saures

Gern mit der Formel: „Süßes – sonst gibt’s Saures!“ In diesem Spruch steckt die stille Drohung, bei mangelnder Beute einen schauerlichen Streich zu spielen. Nicht nur Zahnmediziner sind wenig beglückt, weil das, was da in den Sammelkörbchen und Tüten landet, bunte Variationen von Zuckerzeugs sind.

Auch orthodoxe Verfechter hiesiger Traditionen, zu denen ursprünglich Halloween streng genommen nicht zählt, ärgern sich über das Treiben.

Denn, so fragen sie: Was hat dieser klebrige Firlefanz eigentlich mit unserer Kultur zu tun? Geht’s da nicht bloß wieder um den Kommerz? Müsste man also nicht vehement die Rollläden runterrasseln lassen und sich verbarrikadieren, wenn die schummrigen Gestalten aufs Haus zu laufen? Weil wir ja hier schließlich christlich-abendländisch geprägt sind und mit dem kruden halloween’schen Spektakel samt seinen heidnischen Anteilen nichts zu tun haben wollen?

Halloween hat seine Wurzeln im keltischen Fest Samhain

Zugegeben: Halloween – beziehungsweise der Vorläufer „Samhain“ – hat seine Wurzeln in einer Zeit, als es in Europa noch gar kein Christentum gab. Ursprung ist das keltische Irland. An Samhain feierten die Menschen nach der Erntesaison den Übergang in die kalte Jahreszeit. Außerdem glaubten die Leute damals, dass in dieser besonderen Nacht die Toten zurückkehren, um nach jenen zu suchen, die im kommenden Jahr das Zeitliche segnen.

Um sich vor dieser unheimlichen Heimsuchung zu schützen, verkleideten sich Menschen und geisterten selbst durch die Gegend, um die bösen Geister abzuhalten. Kleine Lebensmittelgaben sollten sie zusätzlich besänftigen, ähnlich anderen Opferkulten in den Kulturen dieser Welt.

Was daraus geworden ist – vor allem verbreitet durch irische Einwanderer in den USA – wird also am Montagabend auch bei uns zu sehen sein. Sichtbar ist Halloween allerdings schon seit Wochen in unseren Supermärkten. Wo neben der passenden Kostümierung natürlich jede Menge Süßigkeiten in den Regalen stehen, die extra für das Gruselfest konzipiert wurden: Fruchtgummi-Fledermäuse. Schoko-Hohlfiguren in Vampirform. Totenköpfe aus Zuckerguss.

Nicht zu vergessen jedwede Form von Dekoration für die Halloween-Party. Und – das muss man ganz klar sagen – der bei uns relativ neue Brauch hat dem Kürbis zu einem märchenhaften Aufschwung verholfen. Fährt man dieser Tage durch Oberschwaben, türmen sich die Ess- und Zierkürbisse an vielen Straßen.

Braucht es Halloween in Oberschwaben?

Hinter all dem Brimborium steht die große Frage: Braucht’s das alles und braucht’s das bei uns, wo wir doch in bestimmten Regionen die Tradition der Rübengeister haben? Und Kinder statt aus Kürbissen eben aus Rüben gruselige Figuren und Gesichter schneiden?

Die Frage muss natürlich jeder für sich selbst beantworten. Allerdings kommt ein merkwürdiges Gefühl auf, wenn in einem Land, in dem ab Anfang August die ersten Weihnachtslebkuchen in den Läden stehen, gegen Halloween und den damit verbundenen Kommerz gewettert wird.

Also seien wir mal ehrlich: Es ist das Wesen unserer Wirtschaft, dass jeder noch so kleiner Anlass kommerziell ausgeschlachtet wird. Und zwar so intensiv es eben geht. Von Muttertag bis Allerheiligen. Von Ostern bis Vatertag. Von Valentinstag bis Silvester.

Auch Weihnachten ist ein Fest des Konsums

Die Kritik an Halloween wäre vielleicht noch zu verstehen, wenn unser von vielen als heilig betrachtetes Weihnachten eine konsumfreie Veranstaltung der Besinnlichkeit wäre. Vielmehr ist es aber so eine Art Super-Olympiade des Kommerzes, bei dem Jahr für Jahr bei Umsatz und Menge zwar nicht das „höher, schneller, weiter“, gilt. Sehr wohl aber „teurer, länger, mehr“.

Überhaupt muss uns bewusst sein: Wenn wir den heidnisch-keltischen Ursprung von Halloween als unchristlich geißeln, dass zentrale Bestandteile unserer christlichen Bräuche ebenfalls aus Zeiten stammen, als die Menschen noch Berge, Seen oder Bäume angebetet haben. Man nehme nur den Christbaum oder die Ostereier.

Was aber ungemein deutlich für Halloween spricht, ist das Soziale und Zwischenmenschliche. Gerade nach den Jahren der Pandemie – von denen keiner so genau weiß, ob sich je nach Saison nicht noch weitere anhängen – ist jeder Brauch wertvoll, bei dem ein Kind an einer Tür in seiner Nachbarschaft klingelt.

Viele Menschen freuen sich auf die Geselligkeit zu Halloween

Denn heute ist es nicht mehr selbstverständlich, dass sich die Leute im persönlichen Wohnumfeld kennen. Aus dieser Warte betrachtet muss uns alles, was Türen öffnet, hochwillkommen sein. Und sei es auch nur, um sich gegen eine Handvoll Schokolade kurz erschrecken zu lassen.

Es gibt nicht wenige Menschen, die sich auf Halloween und den damit verbundenen Kurzbesuch ehrlich freuen. Denn viele leben einsam und zurückgezogen. Als sichtbares Zeichen, dass Gespenster willkommen sind, stellen manche sogar einen beleuchteten Kürbis vor die Türe. Der mag zwar schrecklich aussehen, steht aber für das freundliche Gesicht eines Festes, das Menschen zusammenbringt.

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