Dramaturgisch eine Wucht

Lesedauer: 6 Min
Werner M. Grimmel

- Mit Zuversicht kann das gesamte Personal der Staatsoper Stuttgart nach der jüngsten Premiere der nahenden Sommerpause entgegenblicken. Begeistert feierte das Publikum die Neuproduktion von Vincenzo Bellinis letzter Oper „I Puritani“. Nicht nur für die Gesangssolisten, den Chor, das Orchester und den Dirigenten Giuliano Carella, sondern auch für das bewährte Regieteam um Intendant Jossi Wieler, Hausdramaturg Sergio Morabito und Ausstatterin Anna Viebrock (Bühne und Kostüme) gab es einhelligen Beifall.

Vor drei Wochen erst kam dasselbe Stück am Opernhaus Zürich auf die Bühne. Die Inszenierung des dortigen Intendanten Andreas Homoki ist ambitioniert, kann aber mit der überwältigenden Lesart des Stuttgarter Regieduos nicht mithalten. Umgekehrt ist die von Fabio Luisi dirigierte Zürcher Interpretation musikalisch über jeden Zweifel erhaben, während bei den Stuttgarter „Puritani“ in dieser Hinsicht Luft nach oben bleibt.

Carella versucht hörbar, die Klischees vom begnadeten Nur-Melodiker Bellini oder vom eher lyrischen als dramatischen Tonsetzer durch sehnigen Streicherklang und Hervorhebung von Mittelstimmen zu widerlegen. Leider bleibt er hinter Luisis Präszision und Farbenbalance zurück. Wiederholt trägt das Orchester zu dick auf und lässt kultiviertes Spiel vermissen. Der von Johannes Knecht perfekt vorbereitete Chor singt stellenweise so massiv, als solle Verdis Klangwucht beschworen werden.

Auch sängerisch wird in Stuttgart nicht das Niveau der Zürcher Produktion erreicht. Bis auf den uruguayischen Tenor Edgardo Rocha, der sein Rollendebüt als Arturo gibt, sind alle Partien dieser anspruchsvollen Belcanto-Oper aus dem Solistenensemble des Hauses besetzt. Rocha macht seine Sache mit stabiler, biegsamer Stimme bis auf kleine Ausrutscher hervorragend. Achtbar schlagen sich auch Diana Haller (Enrichetta), Heinz Göhrig (Bruno) und Roland Bracht (Gualtiero).

Der Bariton Gezim Myshketa (Riccardo) kämpft anfangs mit der Intonation, meistert seine vokale Aufgabe dann aber passabel. Bravourös singt der Bassist Adam Palka (Giorgio). Mit extremen Schwierigkeiten ist Ana Durlovski als debütierende Elvira konfrontiert. Ihr Sopran klingt oft gaumig, belegt, in der Höhe unfrei und forciert. Unsaubere Koloraturen, übertriebene Portamenti, unklare Linienführung und gelegentliche unreine Töne stören. Gleichwohl gelingt ein beeindruckendes Porträt der vom Wahn gepackten Elvira.

Solistische Überforderung kompensiert Durlovski durch grandiose szenische Präsenz. Ihr fabelhaft zelebriertes Duett mit Arturo im dritten Akt kann schließlich auch den Musikbegeisterten verzücken. Vor allem aber wird am Eckensee fulminant Theater gespielt. Wieler und Marabito machen aus der Not von Carlo Pepolis dramaturgisch unbeholfenem Libretto eine Tugend. Sie versuchen gar nicht erst, Unwahrscheinlichkeiten der krausen Handlung zu mildern, die Bellini ohnehin nur als Vorwand für Musik nutzte, sondern treten lieber die Flucht nach vorn an.

Die Stuttgarter Inszenierung führt naiv historisierenden Realismus mit den überbordenden Verrücktheiten ad absurdum. Elviras Schizophrenie, ihre verqueren Wahrnehmungen bestimmen die Form der ganzen Darbietung und selbst die Bühne. Hohes altes Gemäuer läuft nach hinten fast spitzwinklig auf die Rückwand zu. Oben ist ein rostiger Metallsteg quer über die historische Bausubstanz gelegt. An der Seite lehnen große Gemälde mit der Bildfläche zur weiß gekalkten Wand. Den puritanischen Bilderstürmern waren sie offenbar ein Dorn im Auge.

Schwankende Kulissen

Die Kostüme (Mitarbeit: Otto Krause) orientieren sich an der Zeit Cromwells, wirken aber wie für modernes Provinztheater geschneidert. Die Bibelmänner liegen zu Beginn wie Käfer auf dem Rücken, als sei ein Film angehalten worden. Später erheben sie sich wie Roboter. Unmerklich verschieben sich permanent die Wände. Ohne Fixpunkt für die Augen ist nicht erkennbar, was sich da wie weit bewegt. Als räumliches Pendant zu Elviras Orientierungsverlust erzeugt dieses Kulissenschwanken fast Schwindel.

Wieler und Morabito haben bewusst von einem logischen roten Faden abgesehen. Ihre surreale Szenerie spielt virtuos mit verschiedenen Perspektiven und Requisiten, die Erklärungen anbieten, aber auch Rätsel offen lassen. Ein großartiger Theaterabend. Nur im dritten Akt ergeben sich szenische Längen, die musikalisch nicht aufgefangen werden.

Weitere Vorstellungen: 11., 14., 17. und 27. Juli; Information und Karten: www.oper-stuttgart.de

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen