Die Oper „Alceste“ in München

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 Dorothea Röschmann begeistert in München in der Titelrolle der „Alceste“.
Dorothea Röschmann begeistert in München in der Titelrolle der „Alceste“. (Foto: WILFRIED HOESL)
Klaus Adam

Eine Frau geht für ihren Mann in den Tod, der will ihr nachfolgen. Doch da kommt ein Halbgott des Wegs: Herkules räumt auf im Hades und bringt das glücklich vereinte Paar zurück ins Leben. Diese Geschichte erzählt Christoph Willibald Gluck (1714 - 1787) in seiner Oper „Alceste“. Am Nationaltheater München ist das 1776 in Paris uraufgeführte Werk in einer Inszenierung von Sidi Larbi Cherkaoui zu erleben: ein lohnender Besuch im Opernmuseum!

Ein Problem wirft wohl jede „Alceste“-Aufführung anno domini 2019 auf: Wie reagiert ein Publikum unserer Tage, bewusst der Endlichkeit unseres Erdenwallens, wenn sich Tote im Hades unterhalten, der Rabauke Herkules sie „zum Leben befreit“? Auch gläubige Christen begreifen die Erweckung des Lazarus „nur“ als ein einmaliges Wunder Jesus Christus. Dieses Problem vermeidet die Inszenierung, indem sie auf die modische Aktualisierung verzichtet und die Legende der griechischen Mythologie erzählt. Der Bühnenbildner Henrik Ahr verwandelte den königlichen Palast nicht in eine elegante Wohnküche. Er entschied sich für glatte hohe Wände, abgestufte Sitzflächen an den Seiten, im Hades ein paar vergitterte Nischen. Die Kostüme sind schlicht, keiner Modeepoche entlehnt (Jan-Jan Van Essche).

Sidi Larbi Cherkaoui, bekannt in München durch eine bravouröse Verwandlung von Rameaus „Les Indes galantes“ in ein begeisterndes Barockspektakel (2016), führt die Protagonisten behutsam, vertraut ganz auf die Musik. Das an Seelenregungen reiche Geschehen wird dem Gesang und der Ausdrucksvielfalt der Solisten überlassen, zuweilen – vor allem bei Chorauftritten – treten die Ballettsolisten der Compagnie Eastman zur Belebung auf. Ein Augenschmaus; dass Optisches dann die Musik auf Platz zwei verweist, nimmt man willig hin.

Orchester spielt fein abgestuft

Gattenliebe, die die Schwelle des Todes überschreitet, hat Gluck in „Alceste“ und in „Orpheus und Eurydike“ beschäftigt. Dieses Werk ist mit seinem tragischen Schluss leichter zu fassen als die Motivik der Alceste. Sie ist die Zentralgestalt, sie widerspricht Natur- und Gesellschaftsregeln und nimmt den Tod ihres Mannes Admète nicht hin, opfert sich für ihn, um ihm das Leben neu zu schenken.

Dass Herakles beide dem Hades entreißt, freut das Publikum ganz besonders, weil damit auch die gesanglich intensive Dorothea Röschmann und der vielversprechende Debütant Charles Castronovo dem Ensemble erhalten bleiben. Ihm hätte man freilich eine dankbarere Rolle für den ersten Abend gewünscht.

Das Orchester scheint den einfühlsamen Dirigenten Antonello Manacorda hoch zu schätzen. Es musizierte sehr fein abgestuft, im Pianissimo vornehm und auf sanfte Weise beredt.

Glucks reformatorische Verdienste um das „Musikdrama“ sind beeindruckend. Sicher ist eine gewisse Monotonie aber nicht zu verleugnen. Schon Rousseau beanstandete, „dass die Leidenschaften zu wenig abwechseln. Alles bewegt sich fast ausschließlich in Trauer und Schrecken“. Und es ist mit unserer Musikerfahrung der letzten 200 Jahre schwer, die Kraft von Glucks tragischen Passagen zu spüren. Da haben uns Mozart, Wagner, Strauss, Berg, in tiefere Abgründe blicken lassen. Aber die herzbewegende Freude Glucks, die Anmut der Tänze, kurzum das Licht der Welt scheinen jung wie am ersten Tag.

Gluck gehört nicht zu den Hausgöttern der Bayerischen Staatsoper. Die „Alkestis“ war 1936 zum letzten Mal hier zu hören. Ein gespanntes mucksmäuschenstilles Lauschen des ausverkauften Hauses, der mit einem einzigen Buhruf gewürzte herzliche, wenn auch nicht überschwängliche Beifall lässt hoffen, dass dieser aus der Oberpfalz stammende Komponist an der Isar doch nicht ganz vergessen ist.

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