Die Nostalgie der Deutschen in Großbritannien

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Ausstellung "Things We Keep" in London
Eine handgefertigte, improvisierte Mischbatterie. (Foto: Teresa Dapp / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Der Teddy sieht arg ramponiert aus. Der Familienhund sei das gewesen, erklärt Matthias Rethe, Jahrgang 1958, und einen „Haarschnitt“ habe er dem Bären als Kind auch mal verpasst.

Trennen will sich der Bauingenieur aus Dortmund aber auf keinen Fall von dem Kuscheltier. Es ist für ihn Kindheitserinnerung und ein Stück Heimat in der Fremde: Rethe lebt seit 13 Jahren in Großbritannien.

Von Donnerstag an ist der Teddy außerdem Teil einer Ausstellung, die zeigt, woran ausgewanderte Deutsche in Großbritannien hängen. Etwa Mirijam Neukirch aus Erfurt, die vor 12 Jahren über den Kanal zog. Sie hat das handgeschriebene Rezeptbuch ihrer Großmutter dabei, das unter anderem Anleitungen für traditionellen Stollen und Käsekuchen enthält. „Jetzt kann ich es meiner Tochter zeigen“, sagt sie, und die könne „etwas von zu Hause“ schmecken.

Viele Dinge, an denen Menschen hingen, hätten etwas mit Essen zu tun, sagt der Historiker Tobias Becker, der die Ausstellung „Things We Keep“ (Dinge, die wir behalten) mitorganisiert hat. Wie ein alter Messingtopf, von dem Daniela Crouch aus Rottweil sich nicht trennt. Wie die Großmutter darin Marmelade koche, gehöre zu ihren ersten Kindheitserinnerungen. Oder Hans Rusniek, der den Schulterknochen eines Schweins gerahmt in seinem Zimmer hängen hat. Sein Vater gab ihn nach einem Abschiedsessen in Bayreuth dem Sohn als Andenken mit.

Becker forscht zum Thema Nostalgie. Das sei ein medizinischer Begriff für Heimweh gewesen und erst seit den 60er, 70er Jahren ein Name für Sehnsucht nach der Vergangenheit. „Da spielen Objekte eine wichtige Rolle. In ihnen wird Heimweh veranschaulicht, oder auch aufgehoben.“

Zehn solcher Objekte sind bis 5. November in London zu sehen, die Besitzer erzählen ihre Geschichten in Videos. Die Kunsthistorikerin Alexandra Loske hat 1996 ein Emailleschild mit der Hausnummer 80 mitgenommen, bevor das Haus im Berliner Prenzlauer Berg grundsaniert wurde. Der Künstler Lothar Götz hängt an seinem Kaffeefilter-Halter.

Die Idee zu „Things We Keep“ kam der Historikerin Katrin Schreiter vom Londoner King's College, als sie die gefeierte Ausstellung über Deutschland im British Museum besuchte. „Da waren diese tollen, ikonenhaften Objekte, aber wer hat schon eine Gutenberg-Bibel? Daher kam die Idee, normale Leute nach ihren Erinnerungen zu fragen.“

Texte und Videos sind auf Englisch; die Ausstellung richtet sich vor allem an Briten, die etwas über Deutsche und Deutschland erfahren wollen. Etwa 100 000 Deutsche leben im Vereinigten Königreich, die Hälfte von ihnen in London.

Auf der Homepage des Projekts gibt es noch viel mehr Gegenstände und Geschichten von Auswanderern zu entdecken. Vieles ist typisch deutsch, etwa ein Glücksbringer von der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, Penatencreme oder eine Gugelhupf-Form.

Diana Siclovans Herzens-Ding hat dagegen mit einer britischen Spezialität zu tun: getrennten Wasserhähnen für heiß und kalt. Ihre Eltern sahen und missbilligten diese Sitte, wenig später bekam die Tochter ein Päckchen mit einer handgefertigten Mischbatterie aus Gartenschlauch. Eine ziemlich deutsche Erfindung, findet die Historikerin. „Nicht wirklich schön, aber sehr praktisch.“

Website zum Projekt "Things We Keep"

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