Die Kinos öffnen wieder mit Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“

Alma (Maren Eggert) und Tom (Dan Stevens)
Alma (Maren Eggert) und Tom (Dan Stevens) (Foto: Christine Fenzl/Majestic Filmverleih)
Rüdiger Suchsland

Die Kinos öffnen wieder, die allermeisten jedenfalls, nach acht Monaten Shutdown der Kultur. Manche haben ihn nicht überlebt, aber die meisten Kinos können dank Corona-Hilfsmaßnahmen nun weitermachen. Mit der Öffnung kommen neue Filme, und das in einer Fülle, wie sie in Deutschland noch nicht dagewesen ist. 88 Filme werden allein in diesem Juli an fünf Donnerstagen von den Verleihen ins Kino gebracht, also knapp drei Filme pro Tag. Eine groteske Situation, die einen massiven Verdrängungswettbewerb zur Folge haben wird.

Einer dieser neuen Filme ist „Ich bin Dein Mensch“ der Regisseurin und Schauspielerin Maria Schrader. Statt „Girl meets Boy“ heißt der Plot bei ihr „Girl meets Robot“.

Im Mittelpunkt steht Alma, die von Maren Eggert gespielte Hauptfigur. Sie erhielt für diese Rolle den Silbernen Bären für die beste darstellerische Leistung. Alma, Expertin für Vor- und Frühgeschichte und für die Entzifferung von Keilschriften, wird zur Versuchsperson in einem Forschungsprojekt. Humanoide Liebesroboter sollen dabei auf ihre Partnerschaftstauglichkeit und soziale Kompetenz hin getestet werden. Alma ist zunächst sehr skeptisch und sowieso an der Liebe nicht allzu sehr interessiert. Sie lebt allein und hat einen Beruf, der sie ausfüllt und erfüllt. Sie hat viele gute Kollegen, die sie schätzen, Freunde, Familie und einen Ex-Liebhaber.

Nun bekommt sie Tom (Dan Stevens) zugewiesen: Gutaussehend und mit perfekten Manieren ausstaffiert. Ein Maschinenwesen, das Almas Zimmer in Sekundenschnelle aufräumt und in eine derart absurd perfekte Ordnung bringt, dass es ihr graut. Das allererste Treffen geht noch schief, weil Tom einen Kurzschluss bekommt. Doch bald steht er frisch upgedatet wieder in Almas Wohnung.

Die Freizeit- und Geselligkeitsmaschine ist – sagen wir es offen – auch ein virtuoser Sexroboter. Die Dialektik der Robotik liegt allerdings darin, dass ein perfekter Roboter erst dadurch perfekt wäre, indem er Momente des Imperfekten und Überraschenden in sich trägt.

In seinen besten Momenten ist „Ich bin Dein Mensch“ ein Film der ungewohnten Fragen: Kann man sich in Roboter verlieben? Und würden sie unsere Bedürfnisse vielleicht viel besser erfüllen, als die idealsten menschlichen Partner? Der Film antwortet mit einem skeptischen Ja. Denn Tom ist nicht nur sehr gutaussehend, sondern auch hilfsbereit, lernfähig und humorvoll. Aufgrund seiner rasanten Analysefähigkeit ist er zudem viel empathischer als viele Menschen. Damit reiht er sich in eine Reihe von Menschmaschinen des Kinos, die alles besser wissen, die empathischer sind und dadurch moralisch besser als die Menschen. Aber vielleicht ist genau dies die wahre Horrorvision?

Formal wirkt „Ich bin Dein Mensch“ eher bieder. Der Film neigt zum Bebildern und Auserzählen, zum Thesenhaften und lässt wenig offen. Immerhin lernt man etwas: Wenn man sich nicht ganz sicher ist, ob das Gegenüber Mensch oder Maschine ist, sollte man es nicht fragen, ob es an Gott glaubt, oder was der Sinn des Leben ist. Sondern: „3587 mal 982 durch 731?“. Wenn die Antwort innerhalb von Sekunden „4818,65116“ lautet, weiß man, woran man ist.

An den Fragen nach Mensch und Maschine ist auch die Berliner Regisseurin Sandra Wollner interessiert. In ihrem Film „The Trouble of Being Born“ geht sie mit ihnen allerdings ganz anders um und auf anderem Niveau. Sie bewertet ihre Figuren nicht, sondern sieht ihnen einfach zu. Bei der Berlinale 2020 gewann der Film den Preis in der Sektion „Encounters“.

Wollner erzählt von einem Android in Teenagergestalt, und zwar komplett aus der Sicht des Roboters. Damit ist „The Trouble with Being Born“ auch eine klassische Geschichte übers Erwachsenwerdens. In diesem herausragenden, stilsicheren und in jeder Hinsicht originellen Film erleben wir den Emanzipationsprozess einer Maschine. Damit erzählt Wollner überraschenderweise auch etwas darüber, was menschliche Individuen und individuelle Maschinen möglicherweise gemeinsam haben: Sie sind immer auf der Suche. Sie müssen immer wieder aufbrechen. Auch wenn dieser Aufbruch einer nach Nirgendwo ist.

Wollners tastender atmosphärischer Stil lässt uns daran teilhaben, dass sich zu verirren und zu verlieren auch ein besonderes Potenzial des Kinos ist, dass wir nicht geringschätzen und schon gar nicht abwehren sollten. Jetzt können wir es endlich wieder erleben.

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