Die Idylle ist der Feind der Freiheit

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Kasia von Szadurska hat sich auf dem Selbstbildnis mit Katze gemalt.
Kasia von Szadurska hat sich auf dem Selbstbildnis mit Katze gemalt.
Schwäbische Zeitung

Sie blieb eine Fremde am Bodensee: Kasia von Szadurska (1886-1942), Malerin mit russisch-polnischen Wurzeln, hatte einen Mann aus der Meersburger Gesellschaft geheiratet. Doch am Ende starb sie einsam in Berlin. Ihr Leben und ihr leidenschaftliches Werk wurden für eine Ausstellung in Konstanz und Meersburg erforscht.

Von unserer MitarbeiterinBirgit Kölgen

Anpassungsfähigkeit gilt bis heute als Tugend im konservativen Südwesten. Kasia von Szadurska jedoch inszenierte ihr Anderssein. Sie malte sich selbst als fatale Rothaarige mit Maske, langen Handschuhen und bloßer Brust, ein Schock für brave Bürger. Auf einem Bild aus reiferen Jahren (1929), ebenfalls in der Konstanzer Wessenberg-Galerie zu sehen, versteckt sie ihr melancholisches Gesicht hinter einer blinzelnden Katz. Keiner sollte sie je ganz kennen: Kasia von Szadurska liebte es, ein Geheimnis aus ihrer Person zu machen.

Die Unangepasste

Wie Galerie-Leiterin Barbara Stark mit ihrer Meersburger Kollegin Brigitte Rieger-Benkel herausfand, hieß Kasia eigentlich Margarethe und kam als uneheliche Tochter des polnischen Edelmanns Casimir Schadursky und einer Deutschen in Moskau zur Welt. Als sie vier Jahre alt war, wurde sie von der Dresdner Familie Sternberg adoptiert. Man förderte ihr Talent und ließ sie in Hamburg, München und Berlin privat studieren – Akademien waren Frauen noch versperrt. Die junge Künstlerin lernte den aus Meersburg stammenden Juristen und Brauerei-Erben Dr. Otto Ehinger kennen. Es muss eine große Liebe gewesen sein: Sie heirateten 1910 in einem böhmischen Nest. Ehinger verschwieg das allerdings den Eltern und kehrte 1914 ohne seine Frau nach Hause zurück, um in die väterliche Firma einzutreten und eine politische Karriere zu starten.

Kasia wohnte am anderen Ufer des Sees in Konstanz, wo sie die kurzlebige expressionistische Künstlervereinigung „Breidablik“ (altnordisch für „Breiter Glanz“) gründete. Ganz praktischen Erfolg hatte sie 1916/17 als Illustratorin der Konstanzer Reihe „Zeitbücher“, deren Einbände sie je nach Bedarf mit Ornamenten, romantischen Figuren oder Nachtszenen schmückte.

Ehemann Ehinger besuchte sie nur alle 14 Tage, bis politische Gegner ihn ausspionierten und „den sittenlosen Lebenswandel der Stütze der demokratischen Partei“ anprangerten. Kasia zog erst 1922, vor der Geburt ihres zweiten Sohnes, zu ihrem Mann nach Meersburg, wo sie die Familienvilla ausbauen ließ und sich in der Künstlervereinigung „Der Kreis“ profilierte.

Wie die Ausstellung in Konstanz zeigt, gelang es Kasia von Szadurska durchaus, ihr Temperament im Sinne des regionalen Marktes zu zügeln. Obwohl sie stürzende Linien, sich auflösende Perspektiven und verschattete Kompositionen liebte, ließ sie im „Bodenseebuch 1923“ die Kirche im Dorf. Türme und Häuser stehen ziemlich gerade. Nur ein züngelnder Busch im Vordergrund der Titelzeichnung deutet auf unterdrückte Impulse.

Das konnte nicht gutgehen. Die Ehe der ungestümen Künstlerin mit dem späteren Meersburger Bürgermeister Ehinger wurde 1935 geschieden – wegen aktenkundigen Ehebruchs mit einem Konstanzer Maler. Fortan schlug Kasia von Szadurska sich alleine durch. Einige artig-sachliche Hafenansichten und zahlreiche Porträts von Kindern und Damen der Gesellschaft zeugen von ihrem Bemühen, im Geschäft zu bleiben. 1937 bewarb sie sich mit einem Magnolien-Stillleben vergeblich um die Teilnahme an der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ in München. Die Nazis hatten ihren Stil längst als „entartet“ eingestuft. Sie zog ins anonymere Berlin und starb dort 1942 mit 56 Jahren an Brustkrebs. Aus Angst vor ihren Schulden lehnte Otto Ehinger im Namen seiner Söhne die Annahme einer Erbschaft ab.

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