Die größte bisherige Theaterkrise

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 In den Theatern werden die Stuhlreihen noch eine Weile leer bleiben.
In den Theatern werden die Stuhlreihen noch eine Weile leer bleiben. (Foto: Thomas Trutschel/photothek.net)

Der Blick auf die Spielpläne der Theater ist derzeit nicht eben gemütsaufhellend. „Diese Veranstaltung muss aufgrund der städtischen Verordnung zum Coronavirus leider entfallen“, scheint das Stück der Saison zu sein – von Aalen bis Freiburg. Nach den Staatstheatern folgen nun nach und nach die Mitteilungen von den kommunalen Bühnen, dass sie ihren Spielbetrieb bis zur Sommerpause nicht mehr aufnehmen, zuletzt vom Theater Ulm. Da auch die kommende Saison in den Sternen steht, empfiehlt die für Kultur zuständige Ulmer Bürgermeisterin Iris Mann den Abonnentinnen und Abonnenten, ihr Abonnement für die Spielzeit 2020/2021 ruhen zu lassen und es in der Spielzeit 2021/2022 wieder auf den angestammten Plätzen fortzusetzen.

Was das heißt? Verwaltungsdirektorin Angela Weißhardt rechnet allein dadurch mit Verlusten in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro. Durch die Absage sämtlicher Vorstellungen in dieser Saison kommen noch einmal 1,4 Millionen Euro Verluste dazu. Der Verein der Theaterfreunde hat bereits seine Mitglieder und alle Abonnentinnen und Abonnenten aufgerufen, auf die Rückerstattung der Zahlungen für abgesagte Abonnementvorstellungen zu verzichten und die Summe stattdessen zu spenden. Dies würde für das Theater in der momentan finanziell angespannten Situation eine enorme Unterstützung bedeuten.

Vermutlich dürfen bis auf Weiteres Vorstellungen nur bei Einhaltung des Mindestabstands im Zuschauerraum durchgeführt werden. Was bedeutet das? In Ulm zum Beispiel: Dass im Großen Haus des Theaters von 815 Plätzen lediglich 150 besetzt werden dürfen.

Zwar beendet auch das Theater Konstanz seinen regulären Spielbetrieb. Aber dort wird Anfang Juli 2020 das eigens für diesen Ort geschriebene Stück „Hermann, der Krumme oder die Erde ist rund“ von Intendant Christoph Nix in der Regie des Autors und der Choreografin Zenta Haerter uraufgeführt werden. Nicht ohne Stolz verkündet das Theater: „Damit setzen die Stadt und das Theater in Zeiten der Pandemie ein deutliches Zeichen der Hoffnung.“ Man werde „unter strenger Beachtung des Infektionsschutzes“ 20 bis 25 Vorstellungen vor jeweils rund 250 Zuschauern spielen.

Immerhin, ein Trost, wenngleich ein schwacher. Es fällt schwer, in diesen Zeiten nicht polemisch zu werden: Kaum standen die Bänder bei VW still, erschallte schon der Ruf nach Abwrackprämie und Rettungsschirm. Während die Bundesliga wiederaufgenommen werden soll, hält sich das Engagement für die Kultur und die Kulturschaffenden jenseits der Feuilletons doch sehr in Grenzen. Wie immer. Der Kultursektor hat einfach nicht die Lobby wie Wirtschaft und Industrie. Immerhin hat sich die Kanzlerin in ihrem wöchentlichen Podcast nun zur Kultur bekannt und ein Programm angekündigt zur Unterstützung dieses Sektors (siehe nebenstehenden Text).

Allen Kulturschaffenden geht es schlecht – vom Schauspieler bis zum freien Kritiker. Doch während an den staatlichen oder städtischen Bühnen die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fest angestellt sind, sieht das bei den 30 Privattheatern im Land dramatischer aus. Albert Bauer, Mitbegründer und Leiter des Theaters Ravensburg, weiß um die prekäre Situation seiner fünf Schauspielerinnen und Schauspieler. Die arbeiten allesamt frei, sind „Soloselbstständige“, wie das neuerdings heißt. Die Soforthilfe-Programme der Länder für diese Betroffenen sind sehr unterschiedlich. Der nächste Schritt ist die Beantragung von ALG II, kurz Hartz IV.

Zwar hat das Land einen Hilfsfonds aufgelegt. Der ist aber für Liquiditätsengpässe des Theaters gedacht und läuft im Juni aus. Private Theater müssen 60 Prozent ihres Etats durch Einnahmen finanzieren. Deswegen fordert Albert Bauer: „Wir brauchen einen Rettungsschirm zum Erhalt der privaten Theater in Baden-Württemberg! Ohne einen solchen werden die Theater entweder nicht wieder öffnen können oder, wenn sie doch öffnen, durch Zuschauerbeschränkungen und Besucherrückgänge derart hohe Defizite machen, dass sie über kurz oder lang ganz schließen müssen.“ Ein Rettungsschirm käme die Allgemeinheit immer noch günstiger zu stehen. Bauer rechnet vor: Fünf Theatermitarbeiter eines Theaters in Kurzarbeit würden die Sozialsysteme schon jetzt etwa 10 000 Euro im Monat, also 120 000 Euro im Jahr kosten. Doch wenn die Privattheater für immer zusperren und Leute entlassen müssten, dann würde das den Staat mehr kosten als ein Rettungsschirm.

Deswegen hat er zusammen mit Edzard Schoppmann und Jörg Mohr, dem Sprecher der AG Privattheater in Baden-Württemberg, ein Positionspapier erarbeitet und es ans zuständige Kunstministerium und den Ministerpräsidenten geschickt. Die Vorschläge, wie die Theater mit öffentlicher Unterstützung über die Runden kommen könnten, sind sehr detailliert und reichen von den Kosten für Desinfektionsmittel und Schutzvorrichtungen an den Kassen bis hin zu Überlegungen, welche Inhalte unter den neuen Corona-Bedingungen präsentiert werden können. In dem Papier heißt es: „Die Gesamtkosten für diesen Rettungsschirm belaufen sich so auf insgesamt ca. 8, 7 Millionen Euro, bei 30 Theatern und 12 Monaten Laufzeit der Maßnahme, im Schnitt also ca. 290 000 Euro je Theater.“ Nun räche sich auch, fügt Bauer hinzu, dass das Land seit Jahren die (für Baden-Württemberg spezifische) Landesförderung für die Theater eingefroren habe. Diese 2:1-Regelung sieht vor, dass das Land den Zuschuss, den die Kommune gibt, noch einmal verdoppelt.

Apropos Kommune. Auch der Stadt Ravensburg haben die Träger der freien Szene Vorschläge gemacht, zum Beispiel könnte die Oberschwabenhalle im Sommer genutzt werden. Bauer sagt: „Wenn man das alles ein bisschen nett macht, mit entsprechender Beleuchtung, Vorhängen und so, dann könnte man dort etwa 150 bis 200 Plätze schaffen und Theater spielen.“ Auch für Freilichtaufführungen hat er Ideen und für Theater wie im Autokino. „Wichtig ist, dass wir spielen, dass wir beim Publikum bleiben können“, ergänzt er.

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