„Die Dämonen gehen niemals weg“

Lesedauer: 7 Min
„Die Dämonen gehen niemals weg“
„Die Dämonen gehen niemals weg“ (Foto: Nick Fancher)
Leiterin Digitalredaktion

Ruhm und Erfolg, Zusammenbruch, Läuterung – so lässt sich die Geschichte der amerikanischen Metalband Underoath zusammenfassen. Seit ihrer Gründung im Jahr 1998 wurden sie dem christlichen Metalcore zugerechnet, ihren Namen – zu deutsch: Unter Eid – fanden sie eigenen Aussagen nach „irgendwo in der Bibel“. 2013 folgte nach etlichen Platten der Absturz, Sänger Spencer Chamberlain kämpfte mit Drogenproblemen, die Band trennte sich. Fünf Jahre später meldet sich die Band nun mit dem neuen Album „Erase Me“ zurück. Im Interview mit Jasmin Off erzählt Chamberlain, wie die Jungs aus Florida ihre Krise überwunden haben.

Drogen, Sucht, Verzweiflung – die Themen auf dem neuen Album behandeln die Dämonen, gegen die du gekämpft hast. Hast du sie denn hinter dir gelassen?

Die Dämonen gehen niemals weg. Sich von einer Sucht und Depressionen zu erholen – das alles ist ein täglicher Kampf. Aber ich habe eine wichtige Lektion gelernt: Umgib dich mit Menschen, die das Beste in dir hervorbringen und dir schöne Momente im Leben bescheren. In ein Loch zu fallen ist einfach und es ist schwer wieder herauszukommen, wenn du dich mit depressiven Menschen umgibst. Ich musste mein Leben neu beginnen, mit anderen Inhalten füllen, neue Menschen kennenlernen und Freude in neuen Dingen finden. So konnte ich mich wieder auf Positives konzentrieren.

War es die Idee hinter dem Album, deine persönliche Geschichte zu erzählen?

Die Idee war, alles offenzulegen. Man weiß ja nie, was passiert, also haben wir das Album in der Überzeugung gemacht, es könnte unser letztes sein. Ich wollte alles sagen, was noch zu sagen war. So wurde es definitiv unser ehrlichstes Album – mit allem, was ich persönlich erlebt habe – Sucht und Selbstmordgedanken und der Dunkelheit, über die Menschen normalerweise nicht sprechen wollen. Ich wollte die Erfahrungen teilen, die viele Menschen im Showbusiness durchmachen.

Thematisierst du diese Erfahrungen auch auf der Bühne?

In Amerika geht es als berühmter Mensch oft darum, cool und bekannt und lustig zu sein – die dunklen Seiten musst du ausblenden. Aber jeder hat doch diese Seite und ich wollte nicht länger „fake“ sein, ich wollte die Wahrheit aussprechen und das mache ich auch auf der Bühne. Die Songs live zu spielen ist für mich wie eine Therapie.

Wie kam das Comeback der Band nach fünf Jahren Trennung denn zustande?

Erstmal muss man verstehen, wie damals die Trennung zustande kam. Wir Jungs sind zusammen aufgewachsen, seit unserer Jugend hingen wir gemeinsam ab – auf Tour, im Probenraum, einfach immer. Da blieb keine Zeit sich individuell zu entfalten. Und als wir dann damit anfingen, fühlte es sich seltsam an. Unser Zusammenleben veränderte sich und letztlich haben wir uns auseinandergelebt. Wir waren nicht mehr glücklich, also haben wir uns getrennt.

Und dann doch festgestellt, dass euch etwas fehlt?

Wir haben festgestellt, dass wir einiges mal gemeinsam besprechen mussten und auch die ein oder andere Entschuldigung war fällig. Aber es ist wie in jeder Beziehung: So etwas braucht Zeit. Nach vier Jahren beschlossen wir weiterzumachen. Jetzt ist unser Verhältnis untereinander gesünder als je zuvor – wir sind stärker, lustiger und produktiver.

Wie seid ihr damit umgegangen, immer als „christliche Band“ wahrgenommen zu werden?

Als wir mit der Musik angefangen haben, war das Teil unserer Identität. Wir haben das nicht in den Texten verarbeitet und nie darüber gesungen, aber wir hatten alle den gleichen christlichen Glauben. Aber irgendwann haben sich die Vorstellungen auseinanderbewegt. Und du kannst niemanden zwingen das zu denken, was du denkst. Menschen sollten denken und fühlen dürfen, was immer sie wollen. Doch wir haben versucht, uns gegenseitig ins gleiche Glaubenssystem zu zwängen. Es war unmöglich so weitermachen.

Was läuft jetzt anders?

Jeder von uns konnte mal durchatmen. Wir waren plötzlich wieder eine Einheit, weil sich jeder weiterentwickeln konnte. Dieses religiöse Korsett hinter uns zu lassen, war das Beste, was uns passieren konnte. Früher haben wir nicht viel miteinander gesprochen – einer von uns war Alkoholiker, einer besorgte sein Essen aus dem Müll und mein Ausweg war, dass ich Drogen nahm. Jetzt sprechen wir über Probleme und sorgen dafür, dass es uns gut geht und wir diese zweite Chance, die wir haben, genießen können. Wir erkunden auf Tour jetzt die Städte und das landestypische Essen zusammen, das sorgt für mehr Spaß als früher.

Gab es Fans, die euch die Abkehr von der christlichen Ausrichtung übel nahmen?

Natürlich waren viele sauer. In Zeiten des Internets ist der Hass oft nicht weit. Aber darauf kannst du ja nichts geben, sonst wärst du für immer unglücklich. Wenn sie den neuen Stil nicht mögen, sollen sie halt nicht mehr unsere Fans sein. Denn sie können uns nicht verbieten so zu leben, wie wir das jetzt möchten.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen