Punk-Botschaften am Bodensee: Die Ärzte rocken gegen Regen und Nazis an

Leiter der Editorengruppe

Die Ärzte haben offenbar magische Kräfte. Sie schaffen nicht nur Nazi-freie Räume, sie haben mit ihren Fans am Samstagabend in Konstanz auch alle Regenwolken weggeblasen. 25 000 feierten im Bodenseestadion eine Riesen-Party.

Dass Nazis „saudumm“ sind, singen Jan Vetter, genannt Farin Urlaub, Dirk Felsenheimer, genannt Bela B, und Rodrigo González, genannt Rod, schon seit fast 30 Jahren.

In „Doof“ beruft sich Bela B auf seine Oma, die schon den Grund gekannt habe: „Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen“. Und wer Nazis wähle, könne sich nicht auf Unwissenheit berufen, denn deren Themen seien „hinlänglich bekannt“.

Die 25 000 in Konstanz sind sich in diesem Urteil ebenso einig wie textsicher und singen lauthals mit. Dasselbe natürlich später, wenn sie einem gewalttätigen Neonazi bescheinigen: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe“ und ihm mehrfach lauthals „Arschloch“ hinterherrufen.

Die Ärzte haben verschiedene Botschaften

Doch die selbsternannte „Beste Band der Welt“ beschränkt sich nicht auf den Kampf gegen Nazis. Den Ärzten geht es insgesamt um eine bessere Welt. In mehreren Texten taucht der Kampf gegen die Klimakrise auf. Sie singen für eine friedlichere Welt. Sie werben um Toleranz.

Sie machen das nicht platt. Und schon gar nicht langweilig. Auch wenn Bela B im Dezember seinen 60. Geburtstag feiert, hat er sich jugendliche Albernheit ebenso erhalten wie der ein Jahr jüngere Farin Urlaub und der 54-jährige Rod.

Deshalb haben sie viele Ärzte-Songs aus den 80ern dabei und schlüpfen in die Haut pubertierender Jungs, die sich nicht trauen, die Angebetete anzusprechen, die gerne küssen wollen und die dem Mädchen nachtrauern, das lieber mit einem anderen geht: „Doch eines Tages werde ich mich rächen. Ich werd die Herzen aller Mädchen brechen. Dann bin ich ein Star, der in der Zeitung steht. Und dann tut es dir leid, doch dann ist es zu spät.“

Die Fans freuen sich über alle Altersgruppen hinweg, dass Farin Urlaub, Bela B und Rod nicht nur Gitarre, Schlagzeug und Bass beherrschen. Sie erhalten sich auch den Hang zur Provokation und holen alte Lieder raus, die damals sogar für einige Jahre verboten waren, weil man nicht über Inzest oder Sodomie singen durfte. Das alles aber in sehr geschliffenem Deutsch.

Einen Teil des Erfolgs der Ärzte macht auch aus, dass ihre Konzerte nicht berechenbar sind. Nicht einmal ihre Riesenerfolge sind jedes Mal zu hören. „Männer sind Schweine“ spielen sie schon seit 20 Jahren nicht mehr, „Westerland“ haben sie viele Jahre lang nicht gespielt, inzwischen bringen sie es wieder ab und zu, nicht aber in Konstanz.

„Elke“ ist schon seit über einem Jahrzehnt Geschichte

Da sich Bela B, Farin Urlaub und Rod nicht langweilen wollen, stellen sie die Songs vor jedem Auftritt neu zusammen. Sie spielen, was ihnen gefällt. So schütteln sie über eine Mediendebatte über „Elke“ den Kopf, denn das Lied singen sie ohnehin schon seit fast 15 Jahren nicht mehr, weil sie es als frauenfeindlich empfinden.

Aber trotz aller Reife blödeln die drei auf der Bühne wie eh und je. Bela B und Farin Urlaub liefern sich Wortgefechte. Rod fährt mit dem E-Scooter auf die Bühne und freut sich über einen hingeworfenen BH. Bela B bringt einen weiblichen Fan dazu, sich für die Kamera ebenfalls des Bikinioberteils zu entledigen.

Das Publikum im Bodenseestadion lässt sich gerne animieren, ist zudem textsicher, aber ein wenig verhalten. Dennoch gibt es verschiedene Zugaben, bei denen einzelne Regentropfen fallen.

Doch insgesamt geht von den Ärzten an diesem Abend offenbar so viel Energie aus, dass alle Regenwolken entgegen der Vorhersagen einen Bogen um Konstanz machen. So ist man sich mit Bela B einig, der sich die Lebensfreude nicht verderben lässt: „Fucking Covid, fucking Krieg, fucking Vollidioten“.

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