Deutschland in der Krise: Konsum neu denken

Das Kaufhaus des Westens in Berlin gilt als Verkörperung des Luxus: Angesichts der kommenden Knappheiten müssen wir neue Formen
Das Kaufhaus des Westens in Berlin gilt als Verkörperung des Luxus: Angesichts der kommenden Knappheiten müssen wir neue Formen des Konsums erlernen, sagt Gastautor Jörg Phil Friedrich. (Foto: Schoening/imago)
Jörg Phil Friedrich

Es ist Weihnachten, die Familie versammelt sich um den Esstisch. Zahlreiche Kerzen spenden Licht, wer Glück hat, dem spendet ein Kamin Wärme, man trägt in der guten Stube warme Festtagskleidung samt Pantoffeln. Was wie eine Szene aus bürgerlichen Romanen des 19. Jahrhunderts klingt, könnte in diesem Winter in deutschen Wohnzimmern so oder so ähnlich stattfinden: Die Preisexplosionen bei Strom und Heizung zwingen Menschen zum Sparen – für Manche geht es um die Existenz.

Verzichten müssen jedenfalls nahezu alle. In zwei Gastbeiträgen für die „Schwäbische Zeitung“ gehen renommierte Autoren der Frage nach, ob in diesem Krisenherbst und -winter auch Chancen für eine Neuverhandlung gesellschaftlichen Zusammenlebens liegen. Oder ob diese Monate eine Falle für die Freiheit sind.

Verzicht scheint in Krisenzeiten unumgänglich

Seit Jahren wird nun schon viel über das Verzichten gesprochen, das notwendig und unumgänglich sei. Der Klimawandel, so heißt es schon länger, zwingt uns dazu, aufs Fliegen, aufs Autofahren und auf Fleisch zu verzichten. Dann kam die Pandemie, und wir mussten auf das Zusammensein mit Freunden, auf Partys, Restaurant- und Kinobesuche und volle Stadien verzichten.

Auch hier scheint es so, als sei noch kein Ende in Sicht. Die nächste Corona-Welle kommt bestimmt. Die nächste Pandemie ist, Klimawandel und Globalisierung geschuldet, wohl auch nicht weit. Nun treibt der Krieg in der Ukraine die Preise für Strom und Treibstoffe, aber auch für Kuchen und Brot in die Höhe. Wieder scheint Verzicht unumgänglich. Man meint, karge, trostlose Zeiten stehen uns bevor. Verzichten wird – so hört man – sowohl zum moralischen Gebot als auch zur ökonomischen Notwendigkeit.

Aber kein Mensch und keine Gesellschaft kann existieren in einer Welt, die dauerhaft als freudlos und dürftig empfunden wird. Wir alle leben unser einziges Leben hier und jetzt, es ist auf ein paar Jahrzehnte befristet.

Wir können nicht nur für kommende Generationen leben

Und auch, wenn wir uns für kommende Generationen verantwortlich fühlen, können wir nicht unseren ganzen Lebenssinn nur daraus ziehen, dass es in einer unbestimmten Zukunft auch noch Menschen geben soll, die vielleicht in einer ebenso freudlosen Welt – vielleicht auch in einer etwas angenehmeren Situation – wieder für kommende Generationen auf Freude und Genuss verzichten werden. Welchen Sinn sollte das haben?

Dazu kommt: In vielerlei Hinsicht ist die Welt heute viel lebenswerter geworden, als sie vor Jahrzehnten noch war. Das betrifft nicht nur die Segnungen von Medizin, Wissenschaft und Technik. Auch der Umwelt geht es bereits wieder viel besser, als man es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für möglich gehalten hätte. Die Luftverschmutzung durch Heizungen und Industrieabgase ist stark zurückgegangen. Durch Renaturierung und Änderungen in der Landnutzung breiten sich fast ausgestorbene Tierarten wieder aus.

Auch wenn viel zu tun bleibt und immer neue Herausforderungen auftauchen, sieht man, dass diese Probleme gesellschaftlich erkannt sind und erfolgreich angegangen werden. So schlecht stehen wir nicht da. Dennoch ist richtig, dass wir unseren Ressourcenverbrauch, unsere Abhängigkeit von der Ausbeutung in ärmeren Ländern und unsere globale Mobilität, die die Entstehung von Pandemien begünstigt, überdenken müssen.

Was ist für ein erfülltes Leben notwendig?

Dazu ist aber nicht das Paradigma des Verzichts der richtige Ansatz, sondern das Nachdenken über erfreuliche, angenehme und lustvolle Alternativen zu dem, von dem heute unser Wohlergehen abzuhängen scheint.

Die erste Frage ist: Woher kommt es überhaupt, dass wir dicke Autos, Einfamilienhäuser und große Wohnungen, Flugreisen und Kreuzfahrten, Schweinebraten und Kaffee so lieben, dass wir glauben, ohne sie wäre das Leben leer und sinnlos, und dass es ein grausamer Verzicht wäre, wenn anderes an ihre Stelle träte?

Nichts von alldem ist ein selbstverständlich notwendiger Teil eines erfüllten menschlichen Lebens. Jahrtausendelang sind die Menschen ohne all das ausgekommen und haben ein erfülltes Leben gehabt.

Die schnelle Fahrt im SUV ist nicht der Inbegriff von Freiheit

Unsere moderne Kultur, dominiert von Rollenmodellen, die von Romanen, Illustrierten, Filmen und vor allem von der Werbung der Industrie, hat uns ihre Produkte über Jahrzehnte im wahrsten Sinn des Wortes schmackhaft gemacht: Uns die Sehnsucht nach exotischen Orten eingepflanzt, uns eingeredet, dass die schnelle Fahrt im Cabrio oder im SUV der Inbegriff von Freiheit sei.

Dass es Individualität bedeuten würde, im Monatstakt ein neues Kleidungsstück aus Fernost mit einem anderen zu kombinieren, das mit dem vorigen Schiff über die Ozeane gekarrt worden ist. Und dass es ein Stück animalischer Lust sei, ein gut gebratenes Steak vom Schwein zu verzehren.

All das kann man nicht einfach ablegen. Nicht nur, weil wir diese Sehnsüchte, Wünsche und Bedürfnisse so nebenbei und zugleich so penetrant langfristig gelernt haben, dass sie einfach selbstverständlich sind. Sondern vor allem, weil das Marketing der Industrien und die populäre Kultur des Alltags uns über Jahrzehnte gar keinen Platz im Denken gelassen haben, um Alternativen zu ersinnen.

Aber wer sich aufmerksam danach umschaut, sieht schon heute, dass es anderes gibt, was ebenso lustvoll und erfreulich ist, was Spaß macht und Genuss erlaubt. Was es jeweils konkret ist, wird jeder für sich herausfinden. So viel lässt sich vielleicht sagen: Wir werden mehr Lust am Selbermachen haben und uns weniger liefern lassen.

Wir werden uns lösen von den Werbeversprechen nach immer mehr Konsum

Wir werden nicht mehr für Produkte und Leistungen bezahlen wollen, von denen Lieferanten uns einreden, dass nur mit ihnen Genuss und Freude möglich sind. Einige werden mit dem Kajak aufs Meer hinausfahren, statt das Kreuzfahrtschiff zu nehmen, andere werden sich schräge Klamotten schneidern, statt Fast Fashion zu kaufen, die nächsten brauen sich aus Gerste und Hopfen ihr eigenes Bier, statt einen großen Braten zu grillen.

Es gibt so viele Möglichkeiten, zwischen denen wir uns entscheiden können, dass es niemand mehr Verzicht nennen wird, wenn er das nicht mehr tut, was möglicherweise schlecht fürs Klima und für kommende Generationen ist.

Das bisher Gesagte gilt allerdings nur für diejenigen, denen überhaupt die Möglichkeit der Wahl gegeben ist – weil sie hinsichtlich der Grundbedürfnisse des Lebens nicht in der Gefahr sind, in Not zu geraten. Angesichts aktuell steigender Preise für Grundnahrungsmittel, Kraftstoff und Heizung, muss man auch über den Verzicht derer nachdenken, für die er sogleich existenzielle Einschränkungen bedeutet: für ein würdevolles Leben und ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe.

Wer friert oder bereits an täglichen Mahlzeiten sparen muss, büßt seine Wahlfreiheit ein. Hier hat die Gesellschaft als Ganze, der Staat, die Aufgabe, flexibel und zügig dafür zu sorgen, dass die Grundbedingung von Freiheit, nämlich die Sicherung der bloßen Existenz, für alle auch in Krisenzeiten gegeben ist. Und dass wirklich alle in die Lage versetzt werden, in der sie Optionen prüfen und wählen können.

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