Der neue James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“

Das gemütlich Rentnerdasein von James Bond (Daniel Craig, links) hat ein schnelles Ende als ihn sein alter Freund Felix Leiter (
Das gemütlich Rentnerdasein von James Bond (Daniel Craig, links) hat ein schnelles Ende als ihn sein alter Freund Felix Leiter (Jeffrey Wright) von der CIA um Hilfe bittet. (Foto: Nicola Dove/dpa)
Rüdiger Suchsland

We have all the time in the world“ spielt Louis Armstrong. Mit vertrauter Musik und den bekannten ikonischen 007-Bildern geht es los. Trotzdem kann man allen Zuschauern versprechen: So einen James-Bond-Film hat es noch nicht gegeben! Aber ist das eine gute Nachricht?

Der neue Bond ist voller Überraschungen, für Bond wie für die Zuschauer. Es beginnt gemächlich, fast wie eine TV-Soap fürs Seniorenpublikum: Der ehemalige Agent im Geheimdienst Ihrer Majestät, hat sich nach dem Abschied von der Psychologin Madeleine Swann (die, gespielt von Lea Seydoux, natürlich wieder auftaucht) verrentet ins Privatleben zurückgezogen. Doch die Vergangenheit, insbesondere der fiese Blofield (Christoph Waltz) lässt ihn nicht los. Und so wird er zunächst von der CIA reaktiviert und ist schon bald wieder in seinem aktiven Agentenleben angekommen, mit seinen ständigen Ortswechseln, Verfolgungsjagden und Weltrettungsaktionen.

Mit Daniel Craig, der seit „Casino Royale“ den Job mit der Lizenz zum Töten ausfüllt, ist von Anfang an ein anderer Ton in die James-Bond-Franchise eingezogen. Dieser Bond ist nicht nur blond, sondern ein Fall für den Psychiater; ein auch zerbrechlicher Mann, der seine Emotionen nicht immer unter Kontrolle hat. Ein oft gequälter, nach innen gekehrter Charakter, der sich mehr mit sich selbst, seiner Vergangenheit und seinen persönlichen Problemen beschäftigt, als mit der Bekämpfung der Feinde der freien Welt.

Das alles passte schon 2006 perfekt zum Zeitgeist: Zur „Generation Y“, die mehr Fragen hat als Antworten, mehr ihren Gefühlen vertraut und ihren Empfindlichkeiten gerne viel Raum gibt. Es passte auch zur Empfindlichkeit des Westens nach 9/11, dessen Wunden sich nicht schließen wollten.

Craigs James Bond kämpfte nicht vorrangig gegen Russen, Chinesen oder Islamisten, was sich ja angeboten hätte. Er kämpfte auch nicht gegen verrückt gewordene Medienmogule oder gegen Herrscher der sozialen Netzwerke, die nach der Weltmacht greifen wollen, was sich ebenfalls naheliegend gewesen wäre. Craigs James Bond kämpfte vor allem gegen sich selbst. Und gegen irgendwelche reichen Irren, mit denen er oft mehr gemeinsam hatte, als mit M, Q oder der britischen Regierung.

Und die Frauen? Nun ja. Sie traten paradoxerweise, je mehr in der Gesellschaft über Gleichstellung debattiert wurde, auf der Leinwand um so mehr in den Hintergrund. All die Femme fatales, mörderischen Kampf-Girls und verführerischen Agentinnen, die die früheren 007-Filme bevölkert hatten und die Bond selbstbewusst immer gefährlicher wurden, als Blofield und die Russen, verschwanden zusammen mit dem übrigen Playboy-Leben des Agenten. Mit Craig wurde aus Bond ein harter Arbeiter: Verschwitzt, gesund und wahnsinnig puritanisch. Im neuen Film hat er, hört, hört, sogar eine richtige Beziehung. Mit Folgen.

Nur einmal, für eine Viertelstunde, in der Episode die auf Kuba spielt, darf der alte neue Hedonismus aufleben und es wird angedeutet, wie eine 007-Zukunft aussehen könnte. Schnell und witzig, mit Lässigkeit, viel Kampfkunst und Ironie. Und wenn es wirklich mal einen weiblichen James-Bond geben sollte, muss ihn die Spanierin Ana de Armas spielen: Ihr Auftritt als MI-6-Agentin auf Kuba ist phänomenal.

Ansonsten geht es für Bond diesmal gegen einen weiteren gefährlichen Verrückten, Lyutsifer (Rami Malek als „Joker“-Abklatsch) und einen bösen Virus, einen biologischen Kampfstoff, der die ganze Welt bedroht und sich in die DNA einzelner Menschen für immer festsetzt. „Man lebt nur zweimal“ lautete schon früh eine alte James-Bond-Weisheit. Aber in diesem actionreichen, längsten Bond-Film aller Zeiten stirbt 007 auch mehr als einmal. Das ist abwechslungsreich, aber größtenteils auch erwartbar.

Zumindest die Craig-Skeptiker werden aufatmen, dass jetzt endgültig Schluss ist mit seinem James Bond, und dass 007 wieder neu erfunden werden muss. Das wird todsicher geschehen. Denn es gibt in diesem Film nicht nur eine zweite Nummer 007, die den Rentner ersetzt. Sondern am Schluss geschieht etwas, was alle Bond-Filme bisher vermieden haben: Es gibt kein Happy-End, wir sehen Bond nicht mit einem Wodka-Martini am Pool ausspannen. Stattdessen erfahren wir im Abspann nur: „James Bond will return.“

Jeder ist ersetzbar, das ist die Essenz wohl aller Bond-Filme. Dieser Bond erzählt uns aber noch mehr als jeder Film der Reihe zuvor etwas über Austauschbarkeit – auch eines James Bond.

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