Der Lindauer Fotograf Werner Stuhler ist mit 91 Jahren gestorben

Lesedauer: 4 Min
Werner Stuhler 2017 inmitten seiner Fotografien.
Werner Stuhler 2017 inmitten seiner Fotografien. (Foto: Privat)
Rolf Waldvogel
Redakteur

„Die bewundernswerte Ernte eines reichen Künstlerlebens.“ Davon war viel die Rede, als Kressbronn am Bodensee zum 90. Geburtstag von Werner Stuhler eine letzte große Retrospektive des weit über die Grenzen seiner Heimat bekannten Fotografen zeigte. Nun ist er in Hergensweiler friedlich eingeschlafen.

Jahrzehntelang war „Foto: Werner Stuhler“ ein Gütesiegel unter unzähligen Fotos auf Reise- und Reportageseiten der großen deutschen Zeitungen und Zeitschriften – auch der „Schwäbischen Zeitung“. Verlage illustrierten ihre Bildbände und Reiseführer mit seinen Arbeiten, und bei Wettbewerben wurden ihm zahlreiche Preise zuerkannt. Dabei war Stuhler eher zufällig zu diesem Beruf gekommen. 1927 in Nürnberg geboren, in Lindau aufgewachsen, bewarb er sich nach dem Krieg – weil das Geld für ein Kunststudium nicht reichte – als Aushilfskraft in einem Fotogeschäft. Dort wurde das Fotografieren schnell zu seiner Leidenschaft, und ihr blieb er auch mit Freuden treu.

„Zum Frommwerden schön!“, hat Martin Walser einmal über Stuhler-Fotos gesagt – eine Verneigung vor seinem Schulfreund aus Lindauer Gymnasiumszeiten. Dabei klang an, was dessen Fotokunst immer auszeichnete. Natürlich waren Menschen und Landschaften die gängigen Sujets für jemanden, der die Fotografie zu seinem Brotberuf gemacht hatte. Aber auf den zweiten Blick wurde vor Stuhlers Bildern schnell klar, wie engagiert er über die Grenzen seines Mediums ging. Die Weltläufigkeit des Fotoreporters war das eine, das Gespür für sein Gegenüber, das Erfassen von Situationen das andere, wichtigere. „Inszenierte Fotografie“ nannte er das.

Landschaften – Felsen, Bäume, Gras – haben Stuhler immer stark angezogen. Aber auch hier setzte er auf die Dimension hinter den Dingen und beschritt mit souveräner Sicherheit den Weg vom rein dokumentarischen Foto zum Kunstfoto. Dem Experimentieren in seiner „Geheimnisküche“, wie er die Dunkelkammer nannte, hatte er sich vor allem in der zweiten Lebenshälfte verschrieben. Und wenn er dann mit Farbtönen spielte, Kontraste ausreizte und Sujets spielerisch verfremdete, verließen seine Fotos die reine Abbildung der Wirklichkeit und wurden zu Fotografik mit enormer Suggestionskraft. Lustvoll zündete er ein magisch-poetisches Feuerwerk der Anspielungen, das jedem sein eigenes Erleben ließ. Und das alles erreichte dieser Fotoalchemist und Versuchsfanatiker analog, mit herkömmlichen Mitteln, also Film, Fixierbad etc. Digital hat er nie gearbeitet.

Auch an seinem 90. Geburtstag hatte der stets neugierige Stuhler noch Wünsche offen. Was ihn reize, sei die fotografische Umsetzung der Themen Zeit und Erinnerung, meinte er damals. Nun bleibt ihm keine Zeit mehr. Und das Erinnern ist an uns. Wir werden es sehr gerne tun.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen