„Der Goldene Handschuh“ von Fatih Akin: kompromisslos, verstörend, handwerklich gut

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Hinter der bemitleidenswerten Fassade lauert das Grauen: Serienmörder Fritz Honka (Jonas Dassler) findet seine Opfer in der Kiez
Hinter der bemitleidenswerten Fassade lauert das Grauen: Serienmörder Fritz Honka (Jonas Dassler) findet seine Opfer in der Kiezkaschemme "Zum Goldenen Handschuh". (Foto: pr)

Horror in der Hansestadt: Fatih Akin hat mit „Der Goldene Handschuh“ einen verstörenden Film geschaffen. Die Frauenmorde des Fritz Honka auf der Kinoleinwand – harter Stoff, der selbst Hartgesottenen an die Substanz gehen dürfte.

Eine Warnung vorneweg: Es gibt nicht viel, was den Zuschauer auf diesen Film vorbereiten kann. Wer glaubt, abgehärtet zu sein, weil er die Gewaltexzesse eines Quentin Tarantino amüsant fand oder populäre Zombie-Serien wie „The Walking Dead“ mit ihren Splatter-Orgien kaum mehr schockierend findet, der wird in „Der Goldene Handschuh“ sein blaues Wunder erleben. Die wahre Geschichte des Serienmörders Fritz Honka, der zwischen 1970 und 1975 in Hamburg vier Frauen tötete, wird unter der Regie von Fatih Akin („Aus dem Nichts“) zum verstörenden Horrortriller. Der Film basiert auf Heinz Strunks gleichnamigem Roman über den deutschen „Jack The Ripper“. Fazit: Auch 2019 kann man noch schockieren – man muss dazu nur die Realität abbilden. Die kann grauenvoller als jeder ausgedachte Schrecken sein.

Fritz Honka (Jonas Dassler) fristet ein tristes Dasein: Geplagt von Komplexen wegen seiner körperlichen Defizite – Buckel, schielende Augen, hässliche Zähne – säuft er sich in der Kiez-Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ um den Verstand. Dort ertränken verkrachte Existenzen ihre Sorgen im Alkohol und flüchten sich in die Idylle deutscher Schlager der Marke „Junge komm bald wieder“. Ab und an schafft es Honka aber doch, Frauen mit nach Hause zu nehmen; Stadtstreicherinnen, die für ein Dach über dem Kopf ihren Körper verkaufen. Weder seine Saufkumpane noch die Opfer in spe ahnen allerdings, dass hinter der mitleiderregenden Fassade das Grauen lauert...

Es dauert keine Viertelstunde, da haben die Zuschauer im Kinosaal bereits den ersten Schockeffekt hinter sich. Die Menschen rutschen in ihren Sitzen hin und her, atmen hörbar mitgenommen ein und aus. Da hat der schmächtige Honka gerade sein erstes Opfer zersägt, weil er die Leiche nicht in einem Stück die Treppe heruntergewuchtet bekommt. Später versteckt er Leichenteile in seiner Wohnung – und mit Wunderbäumen und Duftspray versucht er, den Verwesungsgeruch zu übertünchen. Was Fatih Akin, der vor 15 Jahren mit „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären gewann, hier bietet, ist extrem harte Kost. Kein Wunder, dass der Film von der Freiwilligen Selbstkontrolle keine Jugendfreigabe bekommen hat und somit ab 18 ist.

Zwar spielen sich manche Gewaltexzesse gar nicht auf der Leinwand ab, doch allein die Geräusche zu hören oder sich auszumalen, was gerade passiert, ist fast noch viel schlimmer als es zu tatsächlich sehen. So oder so, das gezeigte Maß an Gewalt – tödlicher, aber auch sexueller – ist heftig und bringt den Zuschauer an seine Grenzen. Der wahre Horror liegt darin, dass es sich eben nicht um grotesk überzeichnete Gewalt wie bei Tarantino handelt und auch nicht um eine Fantasiewelt, sondern um reale Mordfälle, die jahrelang unentdeckt blieben. Erst durch ein Feuer im Haus fanden Feuerwehrleute zufällig die versteckten Leichenteile.

Doch auch in den Szenen, in denen nicht gemordet wird, ist die Verzweiflung und Düsternis zu jeder Sekunde greifbar: Wenn die Kneipenbesucher im „Goldenen Handschuh“ zu den Klängen der Jukebox weinen, entfalten diese Momente eine große emotionale Wucht. Die Szenen in der Kneipe wirken auch deshalb so authentisch, weil hier neben Schauspielern wie Hark Bohm (als „Dornkaat-Max“) auch echte Menschen vom Kiez zu sehen sind. Vokabular und Umgangston sind entsprechend drastisch.

Bei der Einrichtung der nachgebauten Kaschemme wurde ebenso viel Wert auf realistische Wirkung gelegt wie bei der von Honkas Wohnung: Das heruntergekommene Domizil wirkt mit den Illustrierten-Ausschnitten nackter Frauen an der Wand und Puppen auf der Sitzbank irritierend, mit seinem massiven Eichenschrank und dem Plattenspieler, der permanent Adamos „Es geht eine Träne auf Reisen“ dudelt, aber auch völlig spießig.

Getragen wird der Film von seinem preiswürdigen Hauptdarsteller: Jonas Dassler, den man aus dem deutschen Oscar-Kandidaten „Werk ohne Autor“ kennt, wirft sich mit vollem Körpereinsatz in diese extreme Rolle und verkörpert das abgrundtief Böse genauso glaubhaft wie den Drang nach Zugehörigkeit und Normalität, etwa als Honka einen Nachtwächterjob annimmt. Um den 23-Jährigen in einen rund 15 Jahre älteren Mörder zu verwandeln, musste er während der Dreharbeiten täglich mehrere Stunden in der Maske sitzen. Seine Präsenz lässt die anderen Schauspieler fast schon zur Nebensache werden.

Etwas kurz kommen biografische Gegebenheiten: Details aus der realen Lebensgeschichte des Mörders sind ausgespart, aber – logischerweise – auch Passagen aus Heinz Strunks Romanvorlage, für die der Autor sogar im Hamburger Staatsarchiv in bislang unzugänglichen Prozessakten recherchieren durfte. Das hätte dem Ganzen mehr Tiefe verliehen. Der „echte“ Fritz Honka wurde übrigens im Dezember 1976 wegen Mordes und Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von fünfzehn Jahren verurteilt.

Fatih Akin
Regisseur Fatih Akin stellte im Berlinale-Wettbewerb seinen neuen Film „Der Goldene Handschuh“ vor. (Foto: Jens Kalaene / DPA)

Fatih Akin sieht seinen Film auch als Kommentar zur MeToo-Debatte. „Die meisten Männer begreifen nicht, was Gewalt an Frauen bedeutet“, so der gebürtige Hamburger. „Männer brauchen eine Art Schocktherapie über das Visuelle, und ich wollte die Gewalt deshalb explizit zeigen, so bedrückend wie sie ist. Der Film hat die größten Machos in meinem Bekanntenkreis völlig fertiggemacht.“

Akins Werk ist handwerklich gut gemacht und kompromisslos – allerdings ist „Der Goldene Handschuh“ kein Film, den man sich ein zweites Mal anschauen will.

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