Der ganze Brahms in Bregenz

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Auftritt eines Orchesters
Philippe Jordan dirigert die Wiener Symphoniker. (Foto: Mathis Fotografie)
Werner Müller-Grimmel

Die vier Sinfonien von Johannes Brahms gelten als Meilensteine der Gattung. Zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahrhundert haben die Wiener Symphoniker nach einer Gesamtinterpretation unter Wolfgang Sawallisch wieder einen kompletten Zyklus dieser Werkgruppe erarbeitet. Chefdirigent Philippe Jordan präsentierte ihn an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Bregenzer Festspielhaus und erntete mit „seinem“ Orchester in beiden Konzerten tosenden Beifall.

Brahms hat sich bekanntlich relativ spät in seiner Komponistenkarriere der sinfonischen Form zugewandt. Als er seine Erste 1876 der Öffentlichkeit vorstellte, war er bereits 43 Jahre alt und hatte sich längst mit Werken für Klavier und andere Besetzungen einen Namen gemacht. Dass er bis zur endgültigen Gestalt seiner Sinfonie c-Moll lange Zeit an der Partitur laboriert hat, ist ihr anzumerken. Schon der Kopfsatz verliert sich bald in dichtem, teils spröde und verkünstelt konstruiertem Klanggewebe. Nicht von ungefähr hat einst Brahms’ Freundin Clara Schumann hier bei aller „geistreichen Arbeit“ den gewohnten „Melodien-Schwung“ vermisst.

Jordan dirigierte in Bregenz alle Sinfonien auswendig und demonstrierte dabei nicht nur umfassende Detailkenntnis, sondern auch souveränen Überblick. Nach dem konduktartigen Beginn mit seinen düsteren Paukenschlägen legte er Wert auf plastische Zeichnung, kurze, aber nicht knallige Akzente und deutliche Artikulation. Im Andante sostenuto brachte der schön herausmodellierte solistische Dialog von Horn und Violine eine intime Note ins Spiel. Dynamisch und agogisch differenziert gestaltete Jordan die Pizzicato-Episoden im graziösen dritten Satz.

Spätestens im Finale von Brahms’ Erstling hat der Komponist seinem sinfonischen Über-Ich Beethoven, den er bei der Arbeit an diesem Werk stets als „Riesen hinter sich marschieren“ gehört habe, offen ins Gesicht geschaut. Deutliche Anklänge an den Oden-Schluss der berühmten Neunten nehmen es mit dem Vorbild auf, ohne bei plumper Kopie zu verharren. Jordan arbeitete imitierende Strukturen des komplexen Streichersatzes griffig und prägnant heraus. Kompakte Tutti-Entwicklungen spitzte er mit fast opernhafter Dramatik zu.

Auch die melancholisch-pastorale D-Dur-Sinfonie von 1877 verrät noch Brahms’ Ringen mit der großen Form, gibt sich aber im Ganzen leichter und fließender als ihre Vorgängerin. Lebendig gelangen in Bregenz die wechselnden Einsätze von Holzbläsern und Streichern, bezaubernd gegen Ende des Kopfsatzes die neckischen Pizzicati. Im Adagio, das hörbar die Atmosphäre von Schumanns Zweiter beerben möchte, aber hinter dessen ergreifender Kraft zurückbleibt, beeindruckten kraftvoll präsente, im Strich absolut homogene Melodieströme der Violinen.

Wind brachte Jordan bei den Echos volksliedhafter Themen und Rhythmen des Allegretto-Satzes ins sinfonische Geschehen. Im Finalsatz ließ er nach verhaltener Einleitung beim urplötzlich einbrechenden Forte im wahrsten Sinn des Wortes auf die Pauke hauen. Die Dritte fand dann anderntags nach anfänglichen Unreinheiten und verwischten Girlanden der hohen Streicher zu vorbildlicher Darstellung. Dies gilt nicht nur für das Wunderwerk des Kopfsatzes, sondern auch für die metrisch durchwachsenen Verhältnisse der Binnensätze. Aparte Sextparallelen der Fagotte und weitere Glanzpunkte der Holzbläser ließen aufhorchen.

Zum Höhepunkt des Zyklus geriet die Interpretation der genialischen E-Dur-Sinfonie. Flüssig zog Jordan den Kopfsatz durch. Auch danach bevorzugte er rasche Tempi. Mit pointierter Betonung unregelmäßiger Akzente reklamierte er Brahms als eminenten Rhythmiker. Bewundernswerte Pizzicato-Kondition legten besonders die Celli an den Tag. Grandios entfaltete sich die von Bach inspirierte Schluss-Passacaglia, die sogar über Beethovens sinfonische Konzeption hinausgeht.

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