Marke mit Manko: Weihnachtsbriefmarke mit falschem Engel im Umlauf

Wohlfahrtsmarke der Deutschen Post für Weihnachten 2021.
Wohlfahrtsmarke der Deutschen Post für Weihnachten 2021. (Foto: Deutsche Post)
Rolf Waldvogel
Redakteur

Begegnungen mit Engeln sind gemeinhin erfreulich. Manchmal schüttelt man aber auch den Kopf. Seit 2. November wird die diesjährige Weihnachtsbriefmarke verkauft. Darauf ein hübscher Engel mit einer Lilie in der Hand, dahinter zwei Puttenköpfchen, und dann steht da in großen Lettern „Fürchtet euch nicht.“ Eine aufmunternde Botschaft in diesen düsteren Corona-Tagen – aber vom falschen Engel.

Er gehört in eine Szene der „Verkündigung an Maria“ und hat nichts mit der „Verkündigung an die Hirten“ in der Christnacht von Bethlehem zu tun. So etwas kann passieren. Aber es lässt sich auch als schlagender Beweis sehen, wie sehr doch das Wissen um biblische Themen und um die Bildtraditionen der christlichen Welt dahinschwindet.

Zur Verdeutlichung die beiden Passagen des Neuen Testaments, die hier durcheinandergeraten sind: Im 1. Kapitel des Lukas-Evangeliums wird erzählt, wie der Erzengel Gabriel in Nazareth der Jungfrau Maria verkündet, dass sie vom Heiligen Geist empfangen und den Sohn Gottes gebären wird. Als sie erschrickt, besänftigt er sie: „Fürchte dich nicht, Maria; du hast Gnade bei Gott gefunden.“ Schaut man sich die Darstellungen dieser Szene durch die Jahrhunderte an, so ähneln sie sich in einem Punkt: Der Engel hat meistens eine Lilie in der Hand, Symbol für die Reinheit Mariens.

2013 in Lindau versteigert: „Verkündigung an Maria“ des Barockmalers Johann Michael Hertz (1725-1790).
2013 in Lindau versteigert: "Verkündigungsengel mit Lilie" des Barockmalers Johann Michael Hertz (1725-1790). (Foto: AUKTIONSHAUS MICHAEL ZELLER)

Lang ist die Liste der Künstler, die dieses Detail betonten: Botticelli, Leonardo, Dürer, Tizian, Caravaggio und viele weitere. Und auch der Schöpfer des Briefmarken-Engels, der eher unbekannte Allgäuer Barockmaler Johann Michael Hertz (1725 – 1790), griff auf dieses Motiv zurück. Dass die Gottesmutter in spe fehlt, hat dabei nichts zu sagen. Abgetrennt – was früher nichts Außergewöhnliches war – hat man sie nicht. Dagegen spricht der Rest der Signatur unten rechts. Aber dem Künstler kam es wohl vor allem auf die Attitüde dieses vergeistigten Engels an, und sein Gegenüber muss man sich denken.

Verquickung von Hertz-Engel und Hirtenengel

Das Fest „Maria Verkündigung“ wird von den Katholiken am 25. März gefeiert, und logischerweise steht just neun Monate später die Geburt Jesu in Bethlehem an. Da kommt der andere Engel ins Spiel, von dem Lukas im 2. Kapitel berichtet. Umgeben von himmlischen Heerscharen erscheint er den Hirten auf dem Feld und verkündet ihnen die Ankunft des Herrn in einem Stall. Seine Worte: „Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkünde euch große Freude (…) denn euch ist heute der Heiland geboren...“. Auch für diese Szene gibt es Bildbeispiele in Hülle und Fülle – von der Buchmalerei der Reichenau um 1000 n. Chr. bis in die Moderne. Aber eines ist allen gemein: Keiner dieser Engel hat eine Lilie in der Hand.

„Verkündigung an Maria“ von Leonardo da Vinci mit einem lilientragenden Gabriel, um 1472/75.
„Verkündigung an Maria“ von Leonardo da Vinci mit einem lilientragenden Gabriel, um 1472/75. (Foto: OH)

Nun scheint die fragwürdige Verquickung von Hertz-Engel und Hirtenengel mit ihren unterschiedlichen Adressaten niemandem aufgefallen zu sein – oder sie hat niemanden gestört. Auf dem Presseportal der Deutschen Post DHL Group wird zunächst auf den Titel des Bildes verwiesen: „Verkündigungsengel mit Lilie“. Und dann folgt er Satz: „Denn im Zentrum der christlichen Weihnachtsgeschichte steht die Verkündigung des Engels: Fürchtet euch nicht. Gott ist nah mitten in dieser Welt.“ Ähnlich formuliert wird im Novemberheft von „Postfrisch“, dem Philatelie-Journal der Deutschen Post. Von Maria keine Rede.

Das für Briefmarken zuständige Bundesfinanzministerium hat sich für eine Reaktion auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ einige Tage Zeit gelassen. Im Anhang der Antwort findet sich ein wohl schon älterer Pressetext aus der Feder von Martijn Wagner von der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD). Da heißt es: „Und doch wirkt dieser Engel vornehm, denn er weiß, um seine bedeutsame Aufgabe, den Menschen zu sagen: Die Furcht und alle Unfreiheit, die sie bringt, haben nicht das letzte Wort. Fürchtet euch darum nicht….“

Maria in einem Zusatz erwähnt

Schaut man aber auf das aktuelle Internet-Portal des Ministeriums, so entdeckt man eine kleine, jedoch sehr bedeutsame Änderung: „Und doch wirkt dieser Engel vornehm, denn er weiß um seine bedeutsame Aufgabe, nicht nur Maria die Geburt ihres Kindes anzukündigen, sondern allen Menschen zu sagen…“ Dieser Halbsatz wurde wohl nachträglich eingeschoben, um doch noch einen Bezug zu Maria herzustellen.

„Verkündigung an die Hirten aus dem berühmten Perikopenbuch Heinrichs II., Reichenauer Buchmalerei um 1012.
„Verkündigung an die Hirten" aus dem berühmten Perikopenbuch Heinrichs II., Reichenauer Buchmalerei um 1012. (Foto: OH)

Die Pressestelle weist darauf hin, dass solche Sondermarken auf einen Wettbewerb unter Grafikateliers zurückgehen. Bei dieser Marke hat die Designagentur nexd in Düsseldorf gewonnen. Wie laut Ministerium vorgesehen, wurde der Entwurf anschließend geprüft und bestätigt, in diesem Fall von der EKD – bei marianischen Themen vielleicht nicht die nächstliegende Adresse. Auf die Frage, wie genau das Foto dieses Bildes (90 x 65 cm) auf seinem Schreibtisch landete, blieb der nexd-Grafiker die Antwort schuldig. Nur eines hat die Recherche ergeben: Es kam 2007 aus Privatbesitz in das Lindauer Auktionshaus Zeller und wurde dort 2013 an einen Antiquitätenhändler aus Minsk verkauft. Eine Anfrage in Belarus blieb unbeantwortet.

Nun wünscht man – Lapsus hin oder her – dieser Wohlfahrtsmarke mit ihrem Aufschlag von 40 Cents für gute Zwecke allemal einen regen Verkauf. Dennoch muss es erlaubt sein, auf eine solche Verwechslung hinzuweisen. Passiert sie doch bezeichnenderweise in einer Zeit, da die Kenntnisse religiöser Hintergründe und ikonografischer Bezüge mehr und mehr verblassen. Natürlich ist das der Tribut, den man an eine zunehmend glaubensferne Gesellschaft entrichten muss. Das heißt aber auch, dass in absehbarer Zeit der Gang durch Kirchen und Museen mit ihren sakralen Kunstwerken zum schieren Rätselraten werden könnte. Hier gegenzusteuern, ist sehr schwer. Aber auf jeden Fall sollten jene mit gutem Beispiel vorangehen, die ein religiöses Thema aufgreifen. Gerade vor Weihnachten.

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