Der alternative Literaturpreis und seine Tücken

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FILE - Japanese writer Haruki Murakami is seen shortly before addressing a press conference in Barcelona, northeastern Spain, 08
FILE - Japanese writer Haruki Murakami is seen shortly before addressing a press conference in Barcelona, northeastern Spain, 08 June 2011. Photo: EPA/JORDI BEDMAR (zu dpa "Autor Murakami: „Ich möchte kein Standbild sein“" vom 09.10.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++ (Foto: Jordi Bedmar)
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Buchmessenzeit ist auch die Zeit, in der traditionell der Literaturnobelpreis vergeben wird. Eigentlich. Aber dieses Jahr ist alles anders. Der „richtige“ Nobelpreis fällt aus. Stattdessen soll es einen Alternativen Nobelpreis geben.

Die Liste der Kandidaten für den Literaturnobelpreis ist lang – besser gesagt, sie wäre es. Denn die von Missbrauchsvorwürfen und Indiskretionen geplagte Schwedische Akademie hat sich in den vergangenen Monaten selbst zerlegt und musste die Preisverleihung für dieses Jahr aussetzen. Schwedens Literaturszene wollte diese Schmach nicht hinnehmen und fand sich zu einer sogenannten Nya Akademien, einer Neuen Akademie, zusammen. Am kommenden Freitag will die Jury dieser Vereinigung verkünden, wer den ersten Neuen Literaturpreis bekommt. Die vier Finalisten stehen fest, und im Gegensatz zu früher wurden auch der Öffentlichkeit die Namen mitgeteilt. Spannender als diese Auswahl ist allerdings die Frage, ob der Gewinner den Preis auch annehmen wird. Denn für den echten und hoch dotierten Literaturnobelpreis – so er denn im kommenden Jahr wieder verliehen wird – wäre dieser Autor wohl verbrannt.

Öffentlichkeit darf mitstimmen

Alles sollte anders, transparenter und demokratischer ablaufen bei der Nominierung des Neuen Literaturpreises. 107 schwedische Intellektuelle und Künstler hatten alle schwedischen Buchhändler aufgerufen, ihre Vorschläge einzureichen. Aus diesen Vorschlägen wurde eine Liste mit 45 Autoren zusammengestellt. Die Öffentlichkeit konnte per Internet mit abstimmen, das letzte Sagen hatte dann allerdings eine vierköpfige Jury unter dem Vorsitz der Journalistin Ann Pålsson.

Die vier verbliebenen Finalisten sind nun der britische Fantasy-Autor Neil Gaiman, die Kanadierin Kim Thuy, die in ihren biografischen Romanen ihre vietnamesische Vergangenheit verarbeitet, und Maryse Condé aus Guadeloupe.

Den wohl bekanntesten der vier Namen musste die Jury allerdings schon wieder von der Shortlist streichen: den des Japaners Haruki Murakami. Sein Name wird seit Jahren hoch gehandelt wenn es um den Literaturnobelpreis geht. Die Chancen auf diesen alternativen Literaturpreis wären sicher die allerbesten gewesen, denn Romane wie „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ und „Die Ermordung des Commendatore“ wurden nicht nur von der Kritik gelobt, sondern sind auch internationale Bestseller. Doch Herr Murakami ließ die Jury der Neuen Akademie wissen, dass er für eine Wahl nicht zur Verfügung stehe. Der 69-Jährige bezeichnete die Nominierung zwar als eine große Ehre, doch er wolle sich lieber aufs Schreiben konzentrieren, weit ab aller medialer Aufmerksamkeit. Bleibt abzuwarten, ob diese noble Zurückhaltung anhält. Denn sollten – wie derzeit von den verbliebenen Mitgliedern der Schwedischen Akademie geplant – im kommenden Jahr gleich zwei Literaturnobelpreise vergeben werden, wäre Murakami sicher wieder einer der Favoriten.

Idealismus müssen die Nominierten ohnehin mitbringen, denn das Preisgeld für den Neuen Literaturpreis wird per Crowdfunding generiert. Über dessen Höhe schweigt sich die Homepage der Neuen Akademie aus. Die überreichte Summe dürfte allerdings deutlich unter dem Preisgeld von 766 000 Euro der Nobelstiftung für den Literaturnobelpreis liegen.

Überhaupt der Idealismus. „Wir wollen die Menschen daran erinnern, dass Literatur und Kultur allgemein Demokratie, Transparenz, Empathie und Respekt vermitteln sollen“, betont die Neue Akademie. Das könne nicht angehen, widerspricht die Journalistin Asa Linderborg. Moralische Werte dürften bei der Beurteilung von Literatur keine Rolle spielen. Das schränke die Freiheit von Literatur ein.

Kritik an Auswahl

Ein weiterer Kritikpunkt vor allem außerhalb Schwedens war die Fokussierung auf westliche Literatur – diese wird der auch der traditionellen Akademie regelmäßig vorgeworfen. Auf der Auswahlliste der Neuen Akademie aber kamen gleich 13 der 45 Autoren aus Schweden, wohingegen nur ein einziger deutschsprachiger Vertreter es auf die Liste geschafft hat: Peter Stamm. Aus Asien hingegen war nur Haruki Murakami vertreten. Und der mag ja nicht.

Zu ausufernden Diskussionen taugen die Statuten der Neuen Akademie aber ohnehin nicht. Sie wird sich im Dezember wieder selbst auflösen, nachdem sie in einer feierlichen Zeremonie einem Idealisten unter den Schriftstellern den Preis überreicht haben wird. In der Hoffnung, dass die eigentliche Akademie sich selbst wieder findet.

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