Dekadenz trifft auf Fundamentalismus

Lesedauer: 7 Min

Starke Stimmen, ungewöhnliche Kostüme: König Herodes (Matthias Klink) mit Tochter Salome (Simone Schneider) an der Oper in Stut
Starke Stimmen, ungewöhnliche Kostüme: König Herodes (Matthias Klink) mit Tochter Salome (Simone Schneider) an der Oper in Stut (Foto: A.T. Schaefer)
Schwäbische Zeitung
Werner M. Grimmel

Nach der Terrorserie in Paris kommen islamistische Gewaltexzesse an der Staatsoper in Stuttgart auf die Bühne – in einer „Salome“-Produktion von Kultregisseur Kirill Serebrennikov.

Mit viel Beifall hat das Publikum die Premiere der Neuproduktion von Richard Strauss’ Operneinakter „Salome“ an der Stuttgarter Staatsoper aufgenommen. Vor allem Matthias Klink (Herodes), Claudia Mahnke (Herodias), Simone Schneider (Salome), Iain Paterson (Jochanaans Stimme), das Orchester und Dirgent Roland Kluttig wurden gefeiert. Der russische Theater- und Filmregisseur Kirill Serebrennikov musste für seine Inszenierung aber auch einige Buhs einstecken.

Schon vor Beginn der Musik darf man auf einem Riesenbildschirm an der Rückwand der Bühne (Pierre Jorge Gonzales) minutenlang TV-Nachrichten zur aktuellen Weltlage verfolgen. Flüchtlinge kriechen unter ungarischem Stacheldraht durch. Ihre Trecks auf der Balkanroute sieht man aus der Vogelperspektive. IS-Kämpfer putzen ihre Waffen, fahren in Panzerkolonnen, halten ihre schwarzen Fahnen hoch, sprengen antike Kunstwerke oder inszenieren Massenhinrichtungen.

Während im Orchestergraben noch gestimmt wird, stehen darüber im weitläufigen Foyer eines modernen Hotelgebäudes Sicherheitsbeamte. Alle Räume werden mit Kameras überwacht. Ihre Aufnahmen sind über einen Computer im Vordergrund abrufbar. Zwischendurch kann man sie immer wieder anstelle der Nachrichtenschleifen auch auf dem großen Bildschirm sehen.

Wenn dann die Musik einsetzt und von schwül-erotischer Atmosphäre kündet, passt das beschriebene Ambiente dazu wie die Faust aufs Auge. Dasselbe könnte man auch über das Outfit der Titelfigur sagen. Serebrennikov, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, lässt Salome anfangs als halbwüchsige Punk-Göre im schwarzen Kapuzenpulli mit Stiefeln auftreten. Gelangweilt setzt sie sich vor den Fernseher und schaut Zeichentrickfilme für Kinder an. Mit der verführerischen Femme fatale des „Fin de Siècle“-Skandalstücks hat dieses Trotzköpfchen nichts zu tun.

Während die Stimme Jochanaans aus einem Glaskasten tönt, zeigt ein Video einen arabischen Gefangenen (Yasin El Harrouk) als Körper des Propheten. Gefesselt wird er in eine Grube gestoßen, später auf Verlangen der Prinzessin herbeigeholt und von Wachbeamten drangsaliert. Jochanaan tritt derweil im Anzug aus dem Glaskasten und verkündet als Chefideologe fundamentalistischer Gotteskämpfer vor Kameras seine apokalyptischen Weissagungen und prophezeit der westlich-dekadenten Königsfamilie ein böses Ende.

Bezug zum IS-Terror greift zu kurz

Der Gefangene wird wüst gedemütigt. Kleider werden ihm vor den Augen der gaffenden Königstochter vom Leib geschnitten. Auch eine Plastiktüte wird ihm über den Kopf gestülpt. Folterbilder aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis kommen einem in den Sinn. Salome entpuppt sich dabei als perverses Früchtchen, für das Empathie ein Fremdwort ist. Ihre Vorstellung, der gut aussehende junge Araber könnte sich je in sie verlieben, offenbart pathologischen Realitätsverlust.

Dass sie mit einer derart kaputten Psyche ausgestattet ist, braucht ihre Eltern freilich nicht zu wundern. Mutter Herodias ist eine abgetakelte Blondine, die auf mondäne Diva macht und sich für intime Dienste zwei gut gebaute Bodyguards hält. Ihr Gatte Herodes zeigt sich als spießiger, stets von Ängsten geplagter Emporkömmling, ein kleiner fieser Diktator mit merkwürdigem Faible für religiöse Eiferer. Krach ist in dieser Ehe ein Dauerthema und wird über die Tochter bis aufs Messer ausgetragen.

Insgesamt wirkt Serebrennikovs Aktualisierungsversuch ziemlich aufgesetzt. Der Kurzschluss der Opernhandlung mit Tagesnachrichten über die Flüchtlingskrise und islamistischen Terror greift zu kurz. Dass mit Jochanaans abgeschnittenem Kopf Enthauptungsvideos des IS assoziiert werden, mutet brutal an, bleibt aber an der Oberfläche. Dazu kommt, dass die Inszenierung mehrfach die Musik ins Leere laufen lässt, weil sie deren Zeitdimensionen szenisch nicht ausfüllt. Viel zu lang hantieren etwa die Schergen in der Gruft vor Jochanaans Hinrichtung mit Platiksäcken herum.

Gesungen wird hingegen auf hohem Niveau. Besonders Matthias Klink überzeugt mit geschmeidigem Tenor und vorbildlicher Textverständlichkeit. Roland Kluttig mobilisiert sämtliche Reserven des Staatsorchesters Stuttgart und bringt Strauss’ dissonant geschärfte Klänge in allen Facetten brillant zur Geltung. Stellenweise geraten ihm dynamische Exzesse allerdings zu massiv.

Kirill Serebrennikov: Tausendsassa aus Russland

Ob Filme, Ballett, Oper oder Theater – der russische Kultregisseur Kirill Serebrennikov liebt das Arbeiten mit verschiedenen Kunstformen. „Ich mag keine Eintönigkeit, wenn alles immer gleich ist“, sagt der 46-Jährige. In Moskau leitet er das Gogol-Zentrum, einen Platz der Freiheit in Russland, wie er es nennt. Serebrennikov gilt als jemand, der geschickt zwischen dem gesellschaftlichen Druck auf Andersdenkende und dem Anspruch auf Freiheit der Kunst balanciert, ohne zu politisch zu werden. Sein Verhältnis zu den Machthabern in Moskau bezeichnet er selbst als distanziert. Seinen Ruf als Tausendsassa der russischen Kunstszene hat er auch mit Inszenierungen am legendären Bolschoi-Theater und in den USA untermauert. (dpa)

Weitere Vorstellungen am: 1., 4., 8. und 15. Dezember; 13., 17., 21. und 30. Januar 2016. Karten unter: www.oper-stuttgart.de

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen