Debütroman von Hanya Yanagihara aufgelegt

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Eine Insel, umgeben von Meer, auf dem ein Segelboot schwimmt.
Der Roman „Das Volk der Bäume“ handelt von einem Wissenschaftler auf der fiktiven Südseeinsel Ivu’ivu. (Foto: Fva Neukaledonien/dpa)
Wolf Scheller

Die New Yorker Journalistin Hanya Yanagihara hat vor einem Jahr mit ihrem 1000 Seitenwälzer „Ein wenig Leben“ weltweit einen Riesenerfolg eingefahren. Der Roman handelt nicht nur von Freundschaft und Liebe, sondern vor allem von beider Gefährdung durch Grenzüberschreitungen aller und schlimmster Art. Der Hype, den die bis dato weitgehend unbekannte Autorin damals auslöste, mag auch den Hanser Verlag jetzt dazu gebracht haben, ihren Debütroman „Das Volk der Bäume“ von 2013 auf den Markt zu bringen. Er erzählt die Geschichte eines amerikanischen Wissenschaftlers namens Norton Perina, der auf einer fiktiven Südseeinsel Ivu’ivu Menschen entdeckt, von denen viele 100 Jahre alt geworden sind. Es geht um das Geheimnis der Langlebigkeit, das Perina glaubt entdeckt zu haben, und dieser Erfolg bringt ihm in den 1950er- Jahren den Nobelpreis und weltweiten Ruhm ein.

Fiktionalisierte Story

Seine Entdeckung hat allerdings auch ihre Tücken. Da ist einmal die Langlebigkeit selbst, die sich auf eine spezielle Art von Schildkröten bezieht: Wer das Fleisch von dieser Schildkrötenart verzehrt, kann zwar sehr lange oder sogar ewig leben, verliert aber im Lauf der Jahre seinen Verstand. Perina soll seines Forscherfolgs auch nicht froh werden. Er hat über Jahre hinweg zahlreiche Kinder von der Südseeinsel zu sich nach Hause in Lindon, Indiana geholt und adoptiert. Einer seiner Adoptivsöhne verklagt ihn eines Tages wegen sexuellen Mißbrauchs, und Perina geht für ein Jahr ins Gefängnis, schreibt dort seine Memoiren und bekennt sich zu seiner Pädophilie.

Diese von der Autorin fiktionalisierte Geschichte lehnt sich an die reale Biografie des Wissenschaftlers Daniel Carleton Gaydusek an, der Ende der 1990er-Jahre ebenfalls wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde. Die Geschichte dieses Arztes war in der Familie von Hanya Yanagihara ein prominentes Thema, zumal ihr Vater selbst als Arzt und Wissenschaftler regen Anteil an dem Fall seines berühmten Kollegen nahm. Gaydusek hatte auf Papua-Neuguinea bei einem Stammesvolk eine seltsame Krankheit entdeckt, deren Entstehen er auf Kannibalismus zurückführen konnte. Für diese Entdeckung erhielt er 1976 den Nobelpreis. Nach zwei Jahrzehnten musste er wegen sexuellen Missbrauchs eine einjährige Haftstrafe antreten. Später zog er nach Europa und starb 2008 in Norwegen.

Auch in diesem Debütroman der heute 44-jährigen Autorin spielt das Thema sexueller Missbrauch eine wichtige Rolle. Hinzu kommt bei der Charakterisierung ihrer Erzählfigur Perina die nahezu vollständige Abwesenheit von Empathie, von Uneigennützigkeit oder menschlicher Anteilnahme. Perina verkörpert den Typus des exzentrischen Wissenschaftlers, der zwar im Stande ist, Großes zu leisten, aber auch vor Gewalt und Missbrauch nicht zurückscheut. Es gibt das Trauma der Opfer, und es geht um die zerstörerische Kraft von Machtmissbrauch, ebenso um die zersetzende Wirkung von Einsamkeit. So wird uns der Ich-Erzähler als jemand vorgestellt, der schon als kleiner Junge seine Mutter verloren hat und das Geschehen um sich herum distanziert, ohne erkennbare innere Anteilnahme betrachtet. Norton Perina als Erwachsener wird von der Sehnsucht getrieben, Anschluss zu finden und irgendwo dazuzugehören. Das schafft er auch nicht im Verlauf seiner Forschungsreise, auf der ihn mehrere Wissenschaftler begleiten.

Distanzierter Erzählton

Es gibt in „Das Volk der Bäume“ eine Szene, in der die Vergewaltigung eines zehnjährigen Jungen durch den Stammeskönig als Akt der sexuellen Initiation dargestellt wird. Die Vorstellung von einer universalen Moral, die für alle Menschen verpflichtend wäre, tritt in den Hintergrund. Das unberührte Südseeparadies als Schauplatz des Romans wird am Ende zerstört, als Perinas Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit geraten. Jetzt kommen neue Forscherteams, Pharmakonzerne schicken ihre Leute, der Urwald mit seinen fantastischen Tieren und Pflanzen wird platt gemacht, die Eingeborenen mit Alkohol. Yanagihara beschreibt den Untergang eines Paradieses, mit dem auch der Traum von einem langen Leben oder sogar von der Unsterblichkeit verschwindet. Ihren Erzählton hält sie in einer distanzierenden Balance, die dem Roman eine gewisse Kälte verleiht.

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