David Garrett im Interview: „Die Branche hängt in der Luft“

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„Ob etwas aus der Klassik, dem Jazz oder Pop stammt, macht für mich keinen Unterschied. Hauptsache, es berührt mich emotional“,
„Ob etwas aus der Klassik, dem Jazz oder Pop stammt, macht für mich keinen Unterschied. Hauptsache, es berührt mich emotional“, sagt Geiger David Garrett. (Foto: Christoph Köstin)
Olaf Neumann

Er ist der wohl berühmteste Geiger der Gegenwart: David Garrett. Anfang September ist der gebürtige Aachener 40 geworden – und beschenkt sich selbst mit dem Soundtrack seines Lebens. Auf dem Album „Alive - My Soundtrack“, das am 9. Oktober erscheint, interpretiert er auf seiner Stradivari neben Filmmelodien Hits von den Rolling Stones, den Beatles und Metallica. Seine Fans feiern Garrett als den „Jimi Hendrix der Geige“, während das Feuilleton den musikalischen Grenzgänger eher kritisch sieht. Beim Interview mit Olaf Neumann in Berlin trägt der lässige Deutsch-Amerikaner Lederjacke, T-Shirt und zerschlissene Jeans.

Herr Garrett, was war die Herausforderung bei Ihrer Neuinterpretation des Rolling-Stones-Songs „Paint It Black“ auf ihrem neuen Album?

Das Stück hat eine unglaublich gute Melodie für dieses Instrument. Schön finde ich auch die Kombination mit dem „Feuervogel“ von Strawinsky, den wir in den Mittelteil eingebracht haben. Es ist unheimlich spannend, ein Rockstück mit etwas Klassischem zu verbinden, ohne dass es dem Hörer sofort auffällt.

Glauben Sie, dass Sie mit Ihren Interpretationen auch neues Publikum für die Klassik anziehen?

Das habe ich in der Vergangenheit oft erlebt: Dass sich Jemand ein Klassikalbum von mir kauft, der sonst nicht viel Klassik hört oder auch andersherum: jemand kauft sich ein Crossover-Album, der sonst nur klassische Musik hört.

Was macht den Song „Imagine“ von John Lennon für Sie interessant – die Botschaft oder die Melodie?

Es ist eine unglaublich schöne Komposition mit einer tollen Botschaft. Ich war im Studio mit meinem Gitarristen und Produzenten Franck van der Heijden. Wir haben dort oft nur zu zweit gesessen und vieles ausprobiert. „Imagine“ haben wir spontan angespielt, und es lief so gut, dass wir gleich die Mikrofone eingeschaltet haben. Das Stück war innerhalb von zehn Minuten eingespielt. Manche Sachen gehen super schnell.

Welcher Pop- oder Rockmusiker kann die schönsten Melodien schreiben?

Von den Melodien her sind die Beatles-Songs schon sehr eingängig. Es war einfach eine unglaublich gute Kombination mit den vier Jungs. Jeder von ihnen hat etwas sehr Originelles mit eingebracht. Die Beatles sind nicht ohne Grund so populär gewesen. Für mich mit kleinem Abstand die beste Band der Welt.

Trennen Sie zwischen Pop und Klassik?

Überhaupt nicht mehr. Ob etwas aus der Klassik, dem Jazz oder Pop stammt, macht für mich keinen Unterschied. Hauptsache, es berührt mich emotional, weil es gut geschrieben und gesungen und auch instrumental gut ist.

Auf welche Art hat das Stück „Enter Sandman“ von Metallica Sie besonders berührt?

Es ist eine absolute Rockhymne. Vor dem Stück hatte ich große Ehrfurcht, weil man den richtigen Ansatz braucht, um es neu zu interpretieren. Ich habe den Wechsel zwischen akustischer und elektrischer Geige miteinbezogen, weil ich den Mittelteil mit der Stradivari nicht so rockig hinbekommen hätte. Ihr fehlt es einfach an Härte. Deshalb diese Variationen.

Wie gehen Sie damit um, dass auch in den kommenden Monaten keine Großveranstaltungen stattfinden werden können?

Ich vermisse die Auftritte sehr. Merkwürdigerweise auch das Reisen im Flugzeug, auf das ich eigentlich gar keinen Bock mehr hatte. Aber jetzt wäre es schön, wenn es mal wieder passieren würde. Ich hoffe, dass es sobald wie möglich wieder Konzerte geben kann und die Politik sich ernsthaft damit beschäftigt, Lösungen zu finden. Gerade für die ganzen Menschen, die neben den Künstlern im Musikbusiness arbeiten – wie Techniker und Crews – ist es gerade oft sehr schwer, den Alltag finanziell zu bewältigen. Viele Millionen Menschen habe momentan Existenzängste. Es gibt zu wenige kleine Fortschritte. Wir brauchen Zielsetzungen. Die Politik muss mit Konzertveranstaltern darüber reden, was möglich ist und was nicht. Momentan hängt die gesamte Branche in der Luft und niemand weiß, was wann wieder wie funktionieren und möglich sein wird. Bei vielen Kollegen macht sich Hoffnungslosigkeit breit, und genau das darf nicht sein.

Wovon leben Ihre amerikanischen Künstlerfreunde momentan?

Von der Hand in den Mund. Es ist sehr schwierig für sie. Viele müssen auf andere Branchen ausweichen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Wenn ich zum Beispiel auf Facebook lese, wie verzweifelt manche Menschen sind, stimmt mich das sehr traurig.

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