Das neue Buch von Peter Stamm: „Wenn es dunkel wird“

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Peter Stamm bei einer Lesung in Friedrichshafen.
Peter Stamm bei einer Lesung in Friedrichshafen. (Foto: Helmut Voith)
Welf Grombacher

Ravensburg - Wenn er berühmt werden wolle, bekam Peter Stamm von seinem deutschen Schriftstellerkollegen Jens Sparschuh mal den Rat, müsse er die „Sekundärtugenden“ pflegen. „Pünktlich sein, höflich sein. Das darf man nicht unterschätzen. Bücher kommen und gehen, die Veranstalter aber bleiben, und wenn die einen gut leiden können, ist das von großem Wert.“ Mehr als 1500 Lesungen hat der Schweizer in den vergangenen 20 Jahren gegeben. Heute weiß er: Sparschuh hat recht.

Okay, gut schreiben können und etwas zu erzählen haben muss man schon auch. Das aber ist kein Problem für den 1963 in Scherzingen geborenen Thurgauer, der mittlerweile einer der erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller ist. Sein Debüt „Agnes“ (1998), in dem es so schön heißt, „das Glück malt man mit Punkten und nicht mit Strichen“, zählt mittlerweile zur Schullektüre in Baden-Württemberg. Viele seiner Figuren sind Getriebene. Sie brechen aus, versuchen es auf jeden Fall, fliehen in eine neue Liebe („Sieben Jahre“, 2009) oder ein neues Leben („Nacht ist der Tag“, 2013). Mitunter auch wie zuletzt „Weit über das Land“ (2016). Schon als Achtjähriger schrieb Peter Stamm sich im Tagebuch sein eintöniges Leben schön. Im Grunde macht er das bis heute. Gerade ist sein neuer Band „Wenn es dunkel wird“ mit Erzählungen erschienen. Elf an der Zahl. Und in fast allen treibt die Protagonisten eine Sehnsucht, ihrem ach so unbedeutenden Leben zu entfliehen.

Da ist der Lehrling in der Erzählung „Nahtigal“, der krank macht, um mit einer Eichhörnchen-Maske über dem Kopf, die ihm seine Mutter als Kind schenkte, eine Bankfiliale auszurauben. Wenn er im Café gleich gegenüber sitzt, die Lage auskundschaftet und sich Notizen macht, kommt er sich vor wie früher, als er auf der Schaukel den höchsten Punkt erreicht hatte, für einen Moment schwerelos war und glaubte, davonfliegen zu können. In „Die Frau im grünen Mantel“ macht eine Patientin die Ärzte im Krankenhaus verrückt. Immer wieder kommt sie wegen Lappalien. Nur um für einen Augenblick die Aufmerksamkeit zu erhalten, die sie ihrer Ansicht nach verdient. Während in „Supermond“ ein kleiner Sachbearbeiter kurz vor der Pensionierung unsichtbar zu werden droht. Die Kollegen ignorieren ihn. Die Frau nimmt ihn nicht mehr wahr. Bis er am Ende langsam in die Höhe steigt und sein Haus von oben sieht.

Schon in seinen zuletzt erschienenen Büchern war zunehmend ein Hang zum Fantastischen wahrnehmbar. Das romantische Doppelgängermotiv in „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt (2018), die Fieberträume in „Marcia aus Vermont“ (2019). Diese Tendenz setzt sich fort. Peter Stamm schreibt über Ausbrüche aus dem Alltag. Früher sehnten sich Stamms Charaktere nach Nähe, waren aber gar nicht bereit, diese zuzulassen. Oder sie wollten auch nicht die Rolle, die sie spielen, für einen anderen Menschen aufgeben. In den neuen Erzählungen nun ist es eher ein ganz allgemeiner Drang nach Bedeutung, der im Mittelpunkt steht.

In der vielleicht besten Geschichte mit dem Titel „Sabrina, 2019“ verbindet sich beides. Eine Krankenschwester wird auf der Straße von einem Künstler gefragt, ob sie ihm nicht Modell stehen wolle. In ihrer Eitelkeit geschmeichelt folgt sie ihm ins Atelier und später auch in die Galerie, in der ihr lebensgroßes Ebenbild ausgestellt ist. Was sie für etwas Besonderes hält, scheint für alle anderen die normalste Sache der Welt. Früher mit ihrem Leben zufrieden, empfindet sie auf einmal eine große Leere. Als sei ihre Durchschnittlichkeit verewigt worden. Als ein reicher Sammler die Figur kauft, besucht sie ihn in seiner Villa hoch über dem See. „Es kam ihr vor, als nehme die Statue den Platz ein, der eigentlich ihr zustünde.“

Peter Stamm erzählt das alles in seiner für ihn so typischen klaren Sprache. Da ist kein Wort zu viel und doch alles greifbar. Er ist ein Meister der Melancholie. Seine Charaktere sind lebensecht und psychologisch fein motiviert. Bleibt nur die Frage, wann dieser Autor endlich auch einen der großen deutschen Literaturpreise erhält.

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