Das malerische Werk von Wilhelm Geyer

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 Wilhelm Geyer hat eine Fülle von Porträts geschaffen, darunter „Die Familie“ von 1930. Zu sehen ist der Künstler (re.) mit Frau
Wilhelm Geyer hat eine Fülle von Porträts geschaffen, darunter „Die Familie“ von 1930. Zu sehen ist der Künstler (re.) mit Frau und Sohn. (Foto: Fähre)
Siegfried Kasseckert

Als Kirchenmaler ist er berühmt geworden. Wilhelm Geyer (1900-1968) gestaltete rund 1000 Glasfenster in mehr als 180 Kirchen zwischen dem Bodensee und dem Niederrhein: Glasfenster im Ulmer Münster, in den Domen zu Rottenburg und Köln, aber auch im Ravensburger Heilig-Geist-Spital und an vielen kleineren Orten. Sein freies malerisches Werk dagegen ist weit weniger bekannt. Völlig zu Unrecht, wie die neue Ausstellung in der Bad Saulgauer Galerie Fähre eindrucksvoll beweist. Die Stadt übernahm die Werkschau, die aus Anlass des 50. Todestages Geyers präsentiert wird, von der Städtischen Galerie Böblingen.

Ähnlich wie der Ravensburger Maler Gebhard Fugel, dessen Werk die Fähre vor Kurzem ausstellte, war auch Wilhelm Geyer tief verwurzelt in seinem (katholischen) Glauben. Ja, Geyer wollte ursprünglich Priester werden, was offenbar der Vater verhinderte. Die Saulgauer Werkschau, die um die 90 Tafelbilder, Aquarelle, Zeichnungen, und grafische Arbeiten versammelt, beginnt mit erstaunlichen Werken seiner Studienzeit (Geyer war an der Stuttgarter Akademie Meisterschüler von Christian Landenberger), mit Bildern wie dem Atelier von 1926, das nahezu nur aus „Flecken“ besteht und völlig abstrakt erscheint. Doch ungegenständlich hat Wilhelm Geyer nie gemalt, auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht, als die Abstraktion mit Baumeister und anderen fröhliche Urständ feierte.

Wer seine hellen, blau- und rotfarbigen Kirchenfenster vor Augen hat, wundert sich über die betont dunkle, ja in geradezu düsterer Farbigkeit gemalten frühen religiösen Bilder Geyers, etwa den dreiteiligen Passionsaltar (1924) oder den ebenfalls dreiteiligen Apostelaltar (1927). Zur damaligen Zeit waren das Höhepunkte religiöser Malerei in Deutschland, ob impressionistisch oder expressionistisch spielte dabei keine Rolle. Ein Malerkollege Geyers hat das einmal so formuliert: „Was wir wollten, war die Vereinigung von Cézanne und dem späten Corinth.“ Auch Geyers Malduktus erinnert immer wieder an Lovis Corinth.

Berührende Familienporträts

Seine Palette wird freilich im Laufe der Jahre sehr viel heller. Sie kommt sozusagen aus der Dunkelheit ans Licht. Was man in einer Fülle von Selbstporträts sieht, etwa dem von 1959/60 oder dem sechs Jahre vor seinem Tod entstandenen, das ihn mit nacktem Oberkörper zeigt. Stimmungsvolle Landschafts- und Gartenbilder, Familien- und andere Porträts, darunter ein berührendes Selbstporträt mit seiner Frau und einem Sohn, das der Fähre gehört, Zeichnungen sowie das Mappenwerk Kairos (Heilszeit) mit Bildern Christi von der Geburt bis zum Tod am Kreuz. Sie dokumentieren Geyers Rang als einen der wichtigsten neueren Maler des deutschen Südwestens.

Acht Blätter aus der Gestapo-Haft erinnern daran, dass Wilhelm Geyer ein Freund der Scholls war, jener Familie, deren Kinder Sophie und Hans im Jahre 1943 als Gründer der Widerstandsgruppe Weiße Rose von Hitlers Schergen hingerichtet wurden. Auch Geyer geriet ins Visier der Gestapo, war 100 Tage in Haft, überlebte Verhöre und Folter, hat darüber aber Zeit seines Lebens nie gesprochen.

Geyer und die Fähre – das ist eine lange Geschichte. 21-mal hat er in der Saulgauer Galerie ausgestellt, fast ein Dutzend Einzelausstellungen bestritten, mehr als jeder andere Künstler, sogar HAP Grieshaber eingeschlossen. Wilhelm Geyer ist auch einer der Väter des renommierten Oberschwäbischen Kunstpreises, der ihm selbst 1954 verliehen wurde. Und die Fähre besitzt einige seiner Arbeiten.

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