Compagnie Wang Ramirez in Bregenz

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 Die Compagnie Wang Ramirez wartet mit einem Kaleidoskop an Eindrücken auf.
Die Compagnie Wang Ramirez wartet mit einem Kaleidoskop an Eindrücken auf. (Foto: Roland Rasemann)
Katharina von Glasenapp

Fünf Menschen und ein Ballon entwickeln ein höchst fantasievolles, poetisches und vielschichtiges Tanztheater: Zu erleben war dies beim jüngsten Abend des Bregenzer Frühlings mit der Compagnie Wang Ramirez und ihrem im Festspielhaus umjubelten Stück „Everyness“. Koreanische, philippinische, kubanische, afrikanische, französische Wurzeln haben die Tänzerinnen und Tänzer dieser Produktion, so verschieden wie in der Herkunft sind sie in Körperbau und Ausbildung. Doch Honji Wang, die in Deutschland aufgewachsene koreanische Compagniegründerin und ihr französisch-katalanischer Partner Sébastien Ramirez führen Menschen und Kulturen ebenso zusammen wie sie Hip-Hop, Breakdance, Akrobatik und Modern Dance verbinden.

Zunächst sind die fünf noch miteinander verschränkt in einer Menschenkette. Wiegeschritte, Ruderbewegungen schweißen sie zusammen. Das, was Honji Wang zunächst wie einen langen Brautschleier hinter sich herzieht, wird zu einem großen Ballon aufgeblasen, der über die 70 Minuten Spieldauer eine eigene Dynamik und Bedeutung bekommt. Er hängt, unterschiedlich beleuchtet, im Bühnenraum, schwingt wie ein Pendel, senkt sich auf den Boden ab, umhüllt die Tänzer, ist sanft oder bedrohlich, zum Schluss wirken die Menschen wie Scherenschnitte vor dem hellen Leuchtkörper. Zu den mal suggestiv meditativen, mal pulsierenden oder durch Scratching verzerrten Klängen von Schallbauer erlebt man Begegnungen und Beziehungen voller Dynamik und Energie.

Da fliegen zwei Männer an Drahtseilen hängend wie in den asiatischen Kampfsportfilmen durch die Lüfte, rollen und drehen sich die Körper mit ungeheurer Geschmeidigkeit, in Sprüngen und symbiotischer Verschmelzung scheinen sie sich in ihren Grenzen aufzulösen.

Von starker Sogkraft

„Everyness“ – ein Kunstwort – hat keine „Handlung“ und erzählt doch Geschichten von Annäherung, Wegstoßen, Herkunft und Internationalität. Vielschichtigkeit des künstlerischen Ausdrucks prägt nicht nur den Tanz, auch Sprache fließt ein, etwa in einem spielerischen Dialog oder in Erzählungen. Im virtuosen Ganzen von Tanz, Artistik, Licht und Musik läuft diese Sprache aber wie eine zusätzliche Farbe im Reigen der Ausdrucksmittel. Trotz oder gerade wegen der Individualität der zwei Tänzerinnen und drei Tänzer wird der Abend getragen von einer Gruppenenergie, die eine außergewöhnliche Sogkraft entwickelt.

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