Christian Berkel: „Nur der Tod erreicht sein Ziel zu 100 Prozent“

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 Mit seinem Roman über die jüdischen Wurzeln seiner Familie hat der Schauspieler Christian Berkel zuletzt für Aufsehen gesorgt.
Mit seinem Roman über die jüdischen Wurzeln seiner Familie hat der Schauspieler Christian Berkel zuletzt für Aufsehen gesorgt. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Christian Berkel: Der Apfelbaum. Ullstein Verlag 2018. 416 Seiten, 22 Euro.

Der Schauspieler Christian Berkel ist als Bestatter derzeit im Kinofilm „Was uns nicht umbringt“ zu sehen. In der Fernsehserie „Der Kriminalist“ läuft ebenfalls gerade die neue Staffel und mit „Der Apfelbaum“ ist sein erstes Buch auf den Markt gekommen. Laura Bähr hat sich mit dem 61-Jährigen unter anderem über Zeitmangel im Alltag, Krimis als Quotenbringer und seinen ersten Roman über seine Familiengeschichte unterhalten.

Herr Berkel, in Ihrem neuesten Film „Was uns nicht umbringt“ geht es um eine Gruppe Menschen, die sich alle Rat beim Therapeuten holen. Ist das Leben im 21. Jahrhundert anstrengender geworden?

Ja, das glaube ich tatsächlich. Die Anforderungen sind wesentlich komplexer geworden. Die Digitalisierung hat für viele Menschen Probleme geschaffen, das Zeitmanagement ist kompliziert geworden. Wir sind heute gewohnt immer zwei, drei Sachen gleichzeitig zu machen und dabei noch nebenher etwas zu googeln. Dieses Gefühl der ständigen Verfügbarkeit und der ständigen Informiertheit bestimmt unsere Zeit.

Eine andere Tendenz, die sich abzeichnet ist die zur ständigen Selbstoptimierung. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Das finde ich extrem problematisch. Dieses permanente Streben nach Perfektion ist unglaublich anstrengend und letztendlich erreicht sowieso nur der Tod sein Ziel zu 100 Prozent. Vor einiger Zeit hat mir jemand erzählt, dass bei den alten Teppichwebern in Persien stets ein kleiner Fehler in den Teppich gewebt wurde, damit dieser gerade nicht perfekt wird und mit Allah konkurriert. Das Leben ist nicht perfekt, das Leben ist bunt und voller Fehler – und das ist auch gut so.

In „Was uns nicht umbringt“ handeln die Figuren zunächst so, wie sie eigentlich möchten, um dann doch wieder in die gesellschaftlichen Normen zu verfallen. Warum ist das so?

Ich finde, das ist einer der gelungensten Kunstgriffe in dem Film. Denn man stellt sich die Frage, wann man selbst das letzte Mal nicht so gehandelt hat, wie man es eigentlich wollte, sondern wie die Gesellschaft es von einem verlangt hat.

Sie sind seit 12 Jahren als der „Kriminalist“ im ZDF zu sehen. Was denken Sie angesichts der Fülle an Krimireihen auf ARD und ZDF?

Wenn ich darüber mit Freunden oder Zuschauern rede, egal welchen Alters, höre ich immer: „Es gibt ja eigentlich nur noch Krimis im deutschen Fernsehen“. Das stimmt, jedoch wundere ich mich darüber, dass sich alle Leute beschweren, die Krimis aber gleichzeitig anscheinend gerne anschauen. Wenn ich mit den Fernsehredaktionen über dieses Phänomen spreche, wird stets angemerkt, dass die Krimis im Konkurrenzkampf immer gewinnen. Manchmal würde ich mir wünschen, dass sich die Fernsehmacher über diese Tatsache einfach mal hinwegsetzen und nach anderen Möglichkeiten Ausschau halten ...

...und weniger auf die Quote gucken?

Ich zähle nicht zu denen, die sagen, das ist alles Blödsinn mit der Quote. Ich verstehe, dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich nach der Quote richten müssen, wenn sie von Gebühren finanziert werden. Auf der anderen Seite gibt es da natürlich noch den Kulturauftrag, der den öffentlich-rechtlichen Sendern vorgegeben ist. Die Kunst ist es, sich zwischen diesen beiden Polen zu bewegen. Meiner Meinung nach ist die Tendenz eindeutig zu stark in Richtung Quote und somit in Richtung Krimi gegangen. Ein typisch deutsches Phänomen: Wenn wir Deutschen mal was geschluckt haben, dann wird das so lange ausgeschlachtet, bis es nicht mehr geht. Wir sind nicht die Wandlungsfreudigsten.

Gerade ist Ihr erster Roman „Der Apfelbaum“ erschienen, in dem Sie die Geschichte Ihrer Familie erzählen. Wie kam es dazu?

Als ich anfing, Freunden die Geschichte meiner Familie zu erzählen, habe ich immer gemerkt, dass viele das zum Anlass genommen haben, von ihren eigenen Erfahrungen und Familien zu berichten. Außerdem habe ich festgestellt, dass es einfach unglaublich viele Erinnerungen gibt, die aus der deutschen Geschichte verschwiegen wurden.

Wie viel wussten Sie über Ihre Familiengeschichte?

Bis vor kurzem kannte ich auch nur ein paar Stationen meiner Eltern, eine Art Handlungsablauf, aber was sie an den einzelnen Orten erlebt haben, das haben sie nie erzählt. Und ich hatte immer das Gefühl, so geht es meiner ganzen Generation, dass wir wie Bücher durch die Gegend laufen, bei denen einzelne Kapitel rausgerissen wurden. Und mir war es ein Bedürfnis, diese Kapitel aufzufüllen. An den Reaktionen der Leute, mit denen ich gesprochen haben, habe ich dann gemerkt, dass die Geschichte nichts für das stille Kämmerlein oder für mein Tagebuch ist, sondern, dass sie so viele andere Menschen zu interessieren und berühren scheint, dass man sie öffentlich in fiktiver Form erzählen sollte.

Im Buch spielen auch Werte wie Familie und Zusammenhalt eine große Rolle. Haben Sie das Gefühl, dass diese Werte heute mehr und mehr verloren gehen?

Nein, eigentlich nicht. Mein ältester Sohn zum Beispiel ist jetzt drei Jahre mit seiner Freundin zusammen und erst 19 Jahre alt. Das wäre damals bei mir gar nicht denkbar gewesen und zwar nicht bei mir im Besonderen, sondern in meiner Generation allgemein. Wenn man da mit 16 Jahren ein paar Monate mit jemandem zusammen war, dann war das schon eine Langzeitbeziehung (lacht). Vielleicht haben wir alle davon geträumt, aber es hat nie geklappt. In der heutigen Generation sehe ich das viel häufiger. Ich habe auch das Gefühl, dass zum Beispiel das Playboy-Verhalten bei jungen Männern überhaupt nicht mehr als erstrebenswert gilt.

Warum nicht?

Ich glaube, da gibt es ein großes Bedürfnis nach Stabilität. Dadurch dass die Welt um uns herum immer instabiler wird und alles immer unsicherer zu sein scheint, streben die Leute gerade in Beziehungen sehr viel mehr nach Sicherheit und Stabilität.

Wie haben Sie die Arbeit als Schriftsteller empfunden? Könnte das Schreiben zu einem zweiten Standbein werden?

Das wird sich zeigen. Von Wim Wenders gibt es den schönen Satz, „im Paradies ist man nur einmal, nämlich wenn man seinen ersten Film macht“ (lacht). Ich glaube das kann man auch auf das Schreiben anwenden. Was einem in einem neuen Kunstbereich an Erfahrung fehlt, macht man häufig durch eine gewisse Unbefangenheit und Naivität wieder wett. Natürlich durfte ich bereits aus der Filmbranche einiges an Erfahrung mitnehmen, aber das Schreiben im Besonderen hat mich sehr verändert. Ich ertappe mich jetzt schon dabei, wie ich jedes Buch anders wahrnehme. Ich würde mich sehr freuen, wenn ein weiteres Projekt folgt.

Christian Berkel: Der Apfelbaum. Ullstein Verlag 2018. 416 Seiten, 22 Euro.

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