Chemical Brothers setzen auf Freiheit

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„Was gibt es Schöneres als am Leben zu sein?“, fragt sich Tom Rowlands (rechts).
„Was gibt es Schöneres als am Leben zu sein?“, fragt sich Tom Rowlands (rechts). (Foto: Hamish Brown)
Steffen Rüth

Relativ stramm gehen die beide Londoner Schulfreunde Tom Rowlands und Ed Simons auf die 50 zu, und erkundigt man sich heute bei Rowlands, ob er sich damals 1995, als ihr erstes Album „Exit Planet Dust“ herauskam, auch nur annähernd eine solch überwältigende Karriere hätte vorstellen können, dann schüttelt Tom den Kopf, während der Labrador der in dörflichem Ambiente ein Stück außerhalb Londons residierenden Familie Rowlands (Tom hat Frau und drei Teenager-Kinder) spontan zu bellen beginnt. „Nein, wenn du mich gefragt hättest, ob wir 2019 in der Riesenarena von Mexico City, dem Greek Theatre in Los Angeles oder auf den großen Festivals in Europa spielen würden, dann hätte ich gelacht. Dass wir nach 25 Jahren immer noch Musik machen und das Interesse immer noch so hoch ist, dann finde ich schon cool“.

Tom Rowlands ist ein heiterer Gesprächspartner, jovial und fröhlich. Der Hund bellt und bellt, der 48-Jährige legt derweil ungerührt die Philosophie hinter den Chemical Bro-thers im Allgemeinen und dem neunten Studioalbum „No Geography“ im Speziellen dar. Das gesamte Album ist sehr auf Forschheit ausgerichtet, die Big-Beat-Euphorie, die das Duo verbreitet, steckt an, selbst wenn wirkliche Neuerungen Fehlanzeige sind und auch ein weiterer Überhit wie „Galvanize“ oder „Hey Boy Hey Girl“ auf der Platte nicht zu finden ist. Trotzdem: „No Geography“, diese fast schon anachronistische Großraum-Disco-Dampframme von einem Album weiß zu vergnügen. Ebenfalls schlau: Auf berühmte Gaststimmen verzichten Tom und Ed dieses Mal, lieber singt auf gleich mehreren Nummern die Norwegerin Aurora Aksnes, die als Aurora auch selbst dabei ist, sich als Popkünstlerin zu etablieren.

„Unsere Herangehensweise war im Grunde trivial“, sagt Tom Rowlands. „Wir wollten gute, aufrichtende Gefühle unters Volk bringen. Tanzmusik und Tanzen überhaupt sind für uns ein immens bedeutender Ausdruck von Freiheit.“

Plädoyer gegen die Angst

Die Nummer „Free Yourself“ drehe sich sehr direkt darum, dass „beim Tanzen der Deckel von deinen Emotionen fliegt“, und bis auf das finale „Catch Me I’m Falling“ setzen die zwei Männer ohne Pause auf hohes Tempo, kitzelnde Rave-Energie und satte Beats.

„Für mich klingt das neue Album echt breitschultrig“, so Tom, „ich finde sogar, es ist ein bisschen verwegen geworden.“ Songs wie das Titelstück „No Geography“ sind klare Bekenntnisse für eine Welt ohne Schranken und Hindernisse, eine hoffnungsvolle Botschaft, sich nicht von der kleingeistigen Politik deprimieren zu lassen. „Natürlich verwirrt mich ein Schwachsinn wie der Brexit“, sagt Rowlands, und ich kann nachempfinden, wie die Menschen sich mit einem resignierten „Ich geb’s auf, dagegen anzurennen“ zurückziehen. Aber das ist nicht unsere Haltung. Unsere Musik ist ein aggressiv klingendes, aber positives Plädoyer gegen die Angst und für den Enthusiasmus. Denn was gibt es Schöneres, als am Leben zu sein?“

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