CD: Neuaufnahme von Schostakowitschs 13. Symphonie

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 Riccardo Muti hat die 13. Symphonie neu eingespielt.
Riccardo Muti hat die 13. Symphonie neu eingespielt. (Foto: Hans Punz)
Schwäbische Zeitung

Schostakowitschs 13. Sinfonie von 1962 gehört zu den selten aufgeführten Werken. Sie hat, wie Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, eine sinfonische Form, die einzelnen Sätze sind Lieder des Dichters Jewgeni Jewtuschenko (1932-2017). Titelgebend ist das erste Gedicht „Babi Yar“, der Name einer Schlucht in Kiew, Ort eines Massakers im Zweiten Weltkrieg. Jewtuschenkos Thema ist aber nicht der Massenmord, den Wehrmacht und SS verübten, sondern die fehlende Erinnerung daran in der Sowjetunion.

Ein Studienfreund hatte Jewtuschenko 1961 Babi Yar gezeigt, er selber hatte bis dahin nichts von diesem Ort gehört. „Es steht kein Denkmal über Babi Yar“: Mit diesen Worten beginnen Gedicht und Sinfonie.

Beide fanden in der Sowjetunion reges Interesse beim Publikum, der Staat reagierte mit taktischer Unterdrückung. Die Uraufführung der Sinfonie in Leningrad fand unter Kirill Kondrashin statt, sie wurde einmal wiederholt, für ein drittes Mal wurden bereits Textänderungen verlangt. Denn die Staatsführung hatte ein Problem damit, anzuerkennen, dass die Opfer 1941 von Babi Yar überwiegend ukrainische Juden waren. Während Stalin anfangs noch von einem „mittelalterlichen Pogrom an Juden“ sprach, setzte 1943 eine Sprachlenkung ein, wonach die Opfer als Sowjetbürger zu bezeichnen sind. Die heutige Gedenkstätte in Kiew macht ihre vorzügliche, 250 Seiten umfassende Darstellung zu Babi Yar, zur Geschichte Kiews, dem Judentum in Osteuropa, dem Massaker und dessen Aufarbeitung im Netz zugänglich (babynyar.org).

Die erste Aufführung von Schostakowitschs 13. Sinfonie außerhalb der Sowjetunion hatte Riccardo Muti 1970 in Rom geleitet. Zur Eröffnung der Konzertsaison 2018/19 hatte er das Stück als Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra aufs Programm gesetzt und mit einer Ansprache ans Publikum eröffnet. Die Aufführung zusammen mit dem Männerchor des Orchesters und dem Bass Alexey Tikhomirow ist nun als Mitschnitt in der CD-Reihe des Orchesters erschienen. Es ist eine überaus eindrucksvolle wie packende Aufnahme der Sinfonie, die zudem von den besonderen Qualitäten des Orchesters lebt.

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