CD-Kritik: Neue Beethovenaufnahmen von der Akademie für Alte Musik und Jordi Savall

Lesedauer: 4 Min
 Ludwig van Beethoven auf einer zeitgenössischen Darstellung
Ludwig van Beethoven auf einer zeitgenössischen Darstellung (Foto: dpa)
Reinhold Mann

Es wäre vermessen, bei einem so populären Komponisten wie Beethoven allzu viel Überraschendes zu erwarten, auch wenn gerade „Beethovenjahr“ ist: Es gibt einfach schon viel Gelungenes. Trotzdem sind auf neuen Einspielungen originelle Ansätze zu erkennen. So etwa bei den Aufnahmen der Akademie für Alte Musik Berlin, die Beethoven programmatisch in seine Zeit zurückbindet. Dass sie seine Sinfonien mit historischen Instrumenten aufführt, ist selbstverständlich.

Im Grunde hatte schon Roger Norrington 1980 seine London Classical Players so spielen lassen. Aber die Einbindung in die Konzertpraxis um 1800 geht hier weiter. Das Ensemble spielt, wie damals üblich, ohne Dirigenten. In der neuesten CD kombiniert es Beethoven mit Carl Philipp Emanuel Bach. Das Klangbild ist filigran, leicht und lebendig, es begnügt sich keinesfalls damit, flottes Tempo oder Schroffheiten auszustellen, womit sich andere Ensembles der historischen Aufführungspraxis immer noch gerne positionieren.

Zum Konzept der Akademie für Alte Musik gehört es, die Orchesteraufstellungen und die Raumgrößen der Säle zu erkunden, in denen Beethovens Musik zu seinen Lebzeiten aufgeführt wurde und die bis heute (wie das Palais Lobkowitz in Wien) überdauert haben. Das Spiel des Ensembles ist so fein wie feinsinnig und so schön und klug wie der Bookletbeitrag des Komponisten Peter Gülke.

Einen völlig anderen Eindruck erlebt man bei Jordi Savall. Das ist zunächst einmal ein Effekt des Aufnahmeortes und der Aufnahmetechnik, die – ohne hallig zu wirken – einen klaren und gestaffelten Raumklang abbildet. Der katalanische Dirigent spielt mit seinem, um einige Instrumentalisten bereicherten Ensemble Concert des Nations selbstverständlich ebenfalls auf historischen Instrumenten. Ebenso breit gefächert wie der Orchesterklang werden in der Aufnahme auch Dynamik und Klangfarben wiedergegeben. Es entsteht ein überraschend reichhaltiges Klangbild mit einem hör- wie spürbaren Bassfundament, für dessen Entfaltung man ein deutlich langsameres Tempo erwarten würde. Nichts klingt hier verhetzt, die Klänge haben Luft und Raum um sich. Aber vergleicht man die Daten, sind Savalls Musiker sogar noch etwas schneller unterwegs als die Berliner Akademie.

Dass das musikalisch so souverän klingt, ist auch das Ergebnis eines langen Trainingszeitraums. Den Aufnahmen, die in der romanischen Kollegiatskirche auf der Festungsanlage von Cardona in Katalonien gemacht wurden, gingen europaweite Konzerte voraus. Die Klangwirkung des mittelalterlichen Raumes ist der besondere Effekt dieser Einspielung der Sinfonien 1 bis 5, der ersten Lieferung von Savalls Beethovenzyklus.

Der Monumentalität Beethovens gehen die historisch ausgerichteten Ensembles, allen voran die Akademie, aus dem Weg, weil sie sich vom romantischen Interpretationsstil und den großen Orchesterbesetzungen der Wagnerzeit absetzen wollen. Man kann sich streiten, ob diese Monumentalität nur der weltweiten Verehrung des Komponisten zuzuschreiben und also ein Element der Wirkungsgeschichte ist. Sie wird aber bei Jordi Savall, seinem Ensemble und dem hohen Kirchenschiff – gerade bei der dritten Sinfonie – unüberhörbar zu einem Merkmal von Beethovens Musik.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen