Cameron Carpenter eröffnet das Bodenseefestival

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Cameron Carpenter, der amerikanische Organist, schert sich an den Manualen seiner Digitalorgel nicht um Zurückhaltung. Leonard S
Cameron Carpenter, der amerikanische Organist, schert sich an den Manualen seiner Digitalorgel nicht um Zurückhaltung. Leonard Slatkin dirigiert das Orchestre National de Lyon hingegen mit minimaler Zeichengebung, aber nicht weniger perfekt und präzise. (Foto: Roland Rasemann)
Werner M. Grimmel

„Variations on America“ lautet das Motto des diesjährigen Bodenseefestivals. Beim Eröffnungskonzert im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen ergänzte indessen eine starke französische Komponente die amerikanischen Zutaten. Das Orchestre National de Lyon spielte unter der Leitung des amerikanischen Dirigenten Leonard Slatkin zu Beginn und nach der Pause Musik französischer Komponisten. Dazwischen stellte sich der amerikanische Organist Cameron Carpenter als Solist und Artist in Residence des Festivals mit eigenen Arrangements für seine International Touring Organ vor.

Dass es im Programmteil mit Carpenter sehr amerikanisch zur Sache gehen werde, ließ nicht nur ein riesiges Sternenbanner auf der linken Bühnenseite ahnen. Auch die hinter dem Orchester aufgestellte Batterie farbig leuchtender Lautsprecherboxen versprach ein im europäischen Klassikbetrieb eher als fremd empfundenes Show-Element.

Zunächst jedoch erklang César Francks Sinfonische Dichtung „Le Chasseur maudit“ nach Gottfried August Bürgers einst beliebter Ballade „Der wilde Jäger“. Das Orchester folgte Slatkins mimimaler, aber stets unbestechlich präziser Zeichengebung rhythmisch und dynamisch bedingungslos. So gelang eine ebenso perfekte wie spannende Wiedergabe bis hin zum unheimlich näselnden Pianissimo der gestopften Hörner über fahlen Streichertremoli und zum finalen, von Slatkin spektakulär inszenierten Tuttischlag nach ersterbendem Paukenwirbel.

Sergej Rachmaninows späte „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ op. 43 ist ein Werk für Klavier und Orchester. Carpenter hat es sehr frei für Orgel und Orchester bearbeitet, um damit seine Fähigkeiten und die seiner transportablen, von der amerikanischen Firma Marshall & Ogletree gebauten Digitalorgel umfassend und wirkungsvoll demonstrieren zu können. In Friedrichshafen riss er das begeisterte Publikum mit seiner Transkription zu Standing Ovations hin.

Hollywood lässt grüßen

Im Gegensatz zu anderen solistisch auftretenden Musikern bleiben Konzertorganisten beim Ausüben ihrer Kunst in der Regel für Zuhörer unsichtbar. Dass ein Künstler, der lebenslang an der Perfektion seines Spiels arbeitet, mit dieser Situation hadert, kann man verstehen. Carpenter lässt den Spieltisch seiner Orgel vor dem Orchester aufstellen und sitzt mit Rücken zum Publikum quasi auf dem Präsentierteller. Auf diese Weise ist seine virtuose, durch strassbesetzte Schuhe zusätzlich hervorgehobene Pedalarbeit auch optisch zu verfolgen.

Wie Pop- und Rockmusiker setzt Carpenter Show-Effekte bewusst ein. Er beruft sich dabei auch auf Stars klassischer Kunstmusik wie Paganini und Liszt, deren Beispiele zeigen, dass Elemente von Selbstdarstellung immer schon ihren Platz in dieser Tradition gehabt haben. Seine Rachmaninow-Transkription ist maßgeschneidert auf die Zurschaustellung seines Könnens. In Friedrichshafen gehörte dazu auch inflationäres Umregistrieren als zusätzliches Spektakel. Musikalisch freilich störten solche Manierismen, weil das Klangbild wie ein Chamäleon ständig seine Farbe wechselte und die Musik wie ein tönendes Kaleidoskop in Einzelteile zerfiel. Zusammenhänge der Partitur gingen dabei verloren.

Carpenters großartig aufrauschende „Übermalungen“ erinnerten phasenweise an Hollywoods Filmmusik und näherten sich dabei auch den Grenzen des Kitschs. Trotz gelegentlich instabiler Tempi in Carpenters Spiel hielt Slatkin das Orchester präzis bei der Stange. Als Zugabe folgte eine zirkusartistisch zelebrierte Gigue aus Johann Sebastian Bachs Französischer Suite Nr. 5 und ein volkstümliches, technisch brillant aufgedonnertes Show-Stück, inklusive Doppelpedal. Es erinnerte an die Jahrmarktsmusik für Kinoorgel in der Tradition des legendären amerikanischen Virtuosen Virgil Fox, der als Vorläufer Carpenters gelten kann.

Überragendes Orchester

Nach der Pause demonstrierte das Orchestre National de Lyon seine überragende Klasse bei den fünf Sätzen von Berlioz’ genialer „Symphonie phantastique“. Den Anfang nahm Slatkin rhapsodisch frei, den zweiten Satz sehr beschwingt, den vierten Satz („Marche au Supplice“) gemessen und kontrolliert als unaufhaltsam der Katastrophe zustrebenden Alptraum. Im grandios musizierten Finalsatz lugten die verzerrten Fratzen eines Hieronymus Bosch um die Ecke. Nach dieser überwältigenden Interpretation führten zwei augenzwinkernd dargebotene Zugaben aus Bizets „Carmen“ in den Bereich der lockeren Unterhaltung zurück.

Das Bodenseefestival bietet bis zum 5. Juni zahlreiche Veranstaltungen unter dem Motto „Variations on America“. Infos unter www.bodenseefestival.de und Telefon 07541/203-3300 (wmg)

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