Buchkritik: Schwäbisch ist das bessere Deutsch: Wolf-Henning Petershagens Offensiv-Grammatik

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Jaa, jaa, soo, soo: zwei Offensivschwaben in der Dialekt-Suhle: Willy Reichert (links) und Oscar Heiler (rechts) im Jahre 1960.
Jaa, jaa, soo, soo: zwei Offensivschwaben in der Dialekt-Suhle: Willy Reichert (links) und Oscar Heiler (rechts) im Jahre 1960. (Foto: wikicommons)
Reinhold Mann

Sein Arbeitsleben lang hat sich Wolf-Henning Petershagen als Journalist in Ulm mit der Stadt und ihrer Geschichte befasst. Dann kam die Beschäftigung mit dem Schwäbischen und seinen Eigentümlichkeiten hinzu. Dieses Feld hat er mit einem Studium bei den Kulturwissenschaftlern in Tübingen professionalisiert und mit einer Doktorarbeit abgeschlossen. Seitdem wächst eine Bibliothek mit Titeln heran, die Schwäbisch für Besserwisser, Superschlaue und Durchblicker offerieren.

Ihnen liegt ein Bauplan zugrunde, der die journalistische Herkunft nicht verleugnet: Die Erklärungen sind zwei bis drei Seiten lang, als Glossen geschrieben, süffig, witzig, verständlich. Und nutzen im Alltag. Zum Beispiel das Rezept für den Spätzlesteig. Die Frage zur Dosierung, wie viele Eier auf 100 Gramm Mehl kommen, führt zugleich in die Kunst des Näselns ein: „Zwoi Oier? Noi, noi, oi Oi!“

Das neue Buch folgt dem bewährten Modell und den klassischen Beispielen. Es serviert aber ein neues „Narrativ“. Zu diesem schicken Begriff hat das Schwäbische noch kein Gegenstück parat. Das schwäbische „narret“, so liest man bei Petershagen, „bezeichnete ursprünglich einen geistigen Defekt“. Damit lässt sich zumindest eine Brücke bauen. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass angesichts manch meinungsbildender Geschichten (Narrative), die in der Öffentlichkeit kursieren, ein Schwabe „kreuznarret“ wird.

So wird Wolf-Henning Petershagen kreuznarret, wenn ihm Menschen, „die Noan sagen anstatt Norden“, einreden wollen, sie selber sprächen korrekt, während der Schwabe falsch, stümper- oder deppenhaft daherrede.

Die Deppenhaftigkeit

Wobei das mit der Deppenhaftigkeit zwiespältig ist. Gerade Kultserien der Fernsehfolklore wie „Häberle und Pfleiderer“, die sich, wie es im Buch so schön heißt, „vier Jahrzehnte lang in ihrem dämlichen soo, soo, jaa, jaa suhlten“, leben von der abendfüllenden Präsentation des Schwaben als Daggl und Seggl. Oder schlimmer noch: als Halbdaggl und Schafseggl.

In die Magengrube dieses Komplexes, der aus gespielter Deppenhaftigkeit bei heimlichem Überlegenheitsgefühl besteht, fährt der Slogan, der für Baden-Württemberg als Wirtschaftsstandort wirbt: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“. Er kam 1999 in Umlauf. Seitdem gibt es, so Petershagen, eine rege Nachfrage nach Kursen: Schwaben mit Dialekt-Trauma suchen eine Erstversorgung mit Hochdeutsch, damit sie, nicht länger rhetorisch gehandicapt, ihre steile Karriere zünden können.

Nicht schlechter, oft präziser

Hier hält das neue Buch mit seiner Offensivstrategie dagegen. Es argumentiert aus der Sicht des Verbraucherschutzes und rät, das Geld für Quacksalber zu sparen und statt dessen das Immunsystem zu stärken. Petershagens Sprachlehre besagt, das Schwäbische ist kein schlechtes Deutsch, es ist „allenfalls anders, in vielen Fällen sogar besser, da präziser als die Standardsprache“.

Als Beispiel dafür könnte man sagen: Diese Argumentation ist knitz. „Knitz“, so lehrt Petershagen, bedeutet „verschmitzt, pfiffig“. Sein Buch zeigt, dass historisch betrachtet das Deutsch, das im bergigen Süden gesprochen wurde, Hochdeutsch war – gegenüber dem Plattdeutsch auf dem platten Land im Norden. Das ist viele Jahrhunderte auch ganz gut gelaufen, bis 1898 Theodor Siebs sein Buch „Deutsche Bühnensprache“ veröffentlichte, das für die Aussprache des Deutschen zu einem Standardwerk wurde wie der Duden für die Rechtschreibung. Pech für den Süden, dass Siebs aus dem „Noan“ kam. Wahrscheinlich sagte er „Tach auch“ und nicht „Grüß Gott“. Seitdem gilt der Dialekt von Hannover als hochdeutsch. (Es hätte schlimmer kommen können.)

Auf die alte Technik, mit dem Höhenmesser zu bestimmen, was Hoch und Platt ist, folgte also ein Verfahren, das mit der Festlegung des Standards zugleich die Abweichung diskriminierte.

Schweizer als Vorbild

Dieser Gang der Dinge schränkt das Spielfeld für Petershagens Offensivtaktik ein. Mit dem Dialekt die Standardsprache anzutanzen ist zwar reizvoll und lehrreich. Aber so bleiben gerade die im Regen stehen, die sich den Dialekt-Exorzisten hingeben, um der blühenden Zukunftslandschaften willen. Wieso? Gibt es kein richtiges Leben in Franken, Bayern, Baden?

Vielleicht hilft der Blick über die Landesgrenze: Die Schweizer sind ein einig Volk von Code-Switchern. Sie wechseln routiniert zwischen Dialekt und einer Hochsprache hin und her, die zwar etwas eingefärbt ist, die aber auch ein Besucher verstehen kann. Beim Dialekt hat er keine Chance. Zumindest sehr viele Sprecher beherrschen diesen Wechsel. Und viele beherrschen auch noch weitere der drei Landessprachen.

Unabhängig davon: Peterhagens Sprachlehre lebt von ihrer klugen Methode, die beiden Disziplinen der Germanistik zusammenzuspannen: Die Linguistik beschreibt die Sprache als System. Die historische Sprachwissenschaft zeichnet den Sprachwandel nach. Problemfälle, die selbst souveräne Sprecher einer Sprache verunsichern, werden oft dann plausibel, wenn man erzählen kann, wie es dazu gekommen ist.

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