Buchkritik: John Grishams „Forderung“

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US-Autor John Grisham bei der Vorstellung seines Romans „Forderung“ in Hamburg.
US-Autor John Grisham bei der Vorstellung seines Romans „Forderung“ in Hamburg. (Foto: Marcus Brandt)
Schwäbische Zeitung
Stefan Rother

Studium mit Schuldenfalle: Dass man in den USA in der Regel nach dem Verlassen der Universität einen immensen Kreditberg abtragen muss, ist weithin bekannt. Allerdings ist damit in der Regel auch die Hoffnung auf ein späteres, mehr als erträgliches Einkommen verbunden. Schlecht sieht es dagegen aus, wenn man seinen Abschluss an einer sogenannten „diploma mill“ macht: Private Universitäten, die Studierende aufnehmen, die bei renommierteren Hochschulen eher nicht unterkommen können. Die Chancen für einen Abschluss stehen zwar gut, danach zeigt sich aber, dass die Aussichten für Absolventen auf dem Arbeitsmarkt trotz beachtlicher Studiengebühren äußerst mau sind.

Die „Foggy Bottom Law School“ ist ein Paradebeispiel für eine solche Abzock-Anstalt, wie die Jurastudenten Zola, Todd und Mark zu ihrem Schrecken feststellen müssen. Zur düsteren Zukunftsperspektive gesellt sich noch die Sorge um den gemeinsamen Freund Gordy. Der unter einer bipolaren Störung leidende Kommilitone hat seine Medikamente abgesetzt und wird zunehmend unberechenbar. Darüber hinaus ist er davon überzeugt, dass „Foggy Bottom“ nur Teil eines größeren Konstrukts ist, mit dem staatliche und private Gelder erschlichen werden sollen. Als Gordys Schicksal eine tragische Wende nimmt, finden sich seine drei Freunde im Besitz von USB-Sticks mit hochbrisanten Daten wieder.

Soweit die recht spannende Ausgangslage, die im Spektrum der mittlerweile 31 Grisham-Romane durchaus eine etwas andere Erzählperspektive verspricht. Allerdings scheint der Autor dem Potenzial der Geschichte nicht ganz zu trauen. Denn er fügt bei „Forderung“ noch mehrere Handlungsebenen hinzu, von denen mindestens zwei als Grundlage für eigenständige Romane dienen könnten. Zum einen tauchen die drei Studierenden noch vor ihrem Abschluss unter, um sich vor dem Schuldenberg zu drücken. Damit sie sich über Wasser halten können, kommen sie auf die dreiste Idee, einfach ohne Lizenz zu praktizieren und sich ihre Klienten in den Fluren von Gerichten und den Wartesälen von Krankenhäusern zu rekrutieren. Im überlasteten Justizsystem, so die Hoffnung, wird ohnehin niemand die Zeit finden, die beruflichen Angaben von Winkeladvokaten zu überprüfen, zumal diese in der Regel weniger schwere Fälle vertreten.

Immer unterhaltsam

Dieser Teil des Buches ist durchaus amüsant gehalten. Beim anderen größeren Handlungsstrang greift Grisham dagegen ein tragisches Thema von derzeit besonderer Brisanz auf. Denn Zolas Familie ist vor ihrer Geburt irregulär in die USA eingewandert und, obwohl mittlerweile gut integriert, von Abschiebung bedroht. Nur Zola verfügt über die amerikanische Staatsbürgerschaft und versucht alles, um ihre Eltern und ihren Bruder zu unterstützen.

Ganz reibungslos greifen all diese Ebenen hier nicht ineinander, der Wechsel von Thriller, Justizfarce, persönlichen Dramen und Kritik an der zweifelhaften Privatisierung von Bildung in den USA verläuft nicht immer glatt. Auch die Figurenzeichnung ist unterschiedlich ausgefeilt ausgefallen: Zola und Gordy sind durchaus komplexe Charaktere, Todd und Mark erscheinen dagegen selbst bis zum Ende hin als weitgehend austauschbar. Die Auflösung des zentralen Handlungsstrangs hätte schließlich etwas spektakulärer ausfallen können. Aber dennoch ist auch dieser Grisham-Roman gut lesbar und unterhaltsam. Man würde sich nur wünschen, dass sich der Autor, anstatt bis zu zwei Bücher pro Jahr zu veröffentlichen, einmal mehr Zeit nimmt und eine seiner durchaus guten Ideen mit mehr Sorgfalt und Tiefgang zu einem dann überdurchschnittlichen Roman verarbeiten möge.

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