Buchkritik: Jena 1800. Die Republik der freien Geister

Lesedauer: 3 Min
 In Jena trafen sich einst Goethe (links) und Schiller (rechts) mit den Gebrüdern Humboldt, Alexander ist der Zweite von rechts,
In Jena trafen sich einst Goethe (links) und Schiller (rechts) mit den Gebrüdern Humboldt, Alexander ist der Zweite von rechts, Wilhelm links. (Foto: dpa)
Rolf Dieterich

In der Geistesgeschichte des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts stand Jena immer etwas im Schatten Weimars, der thüringischen Nachbarstadt, die mit den Namen Goethe und Schiller, Wieland und Herder untrennbar verbunden ist. Als Philosophie-Dozent der Universität Jena empfand Peter Neumann dies offenbar als ungerecht und machte es sich deshalb zur Aufgabe, die Dinge ein wenig geradezurücken. In seinem Buch „Jena 1800. Die Republik der freien Geister“ beschreibt er anschaulich jene – freilich nur wenigen – Jahre, in denen das kleine Jena ein Zentrum des geistigen Aufbruchs war.

Die wichtigsten Denker der Zeit

Mit Ausnahme von Immanuel Kant, der Königsberg nie verlassen hatte, waren sie praktisch alle da, die wichtigsten Denker dieser Zeit: die Brüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Johann Gottlieb Fichte, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, die Dichter Ludwig Tieck, Clemens Brentano und Novalis. Friedrich Schiller, damals Professor an der heute nach ihm benannten Universität, schrieb in Jena sein berühmtestes dramatisches Werk, die Wallenstein-Trilogie. Auch Goethe war oft zu Besuch. Er suchte den Austausch mit den Philosophen und Dichterkollegen, aber auch heitere Geselligkeit. Die Freundschaft mit Schiller hatte ebenfalls in Jena ihren Ursprung.

Dem von den Ideen der Aufklärung und den Idealen der Französischen Revolution beseelten Jenaer Kreis war es vor allem um die Freiheit des Denkens gegangen, die Freiheit der Wissenschaft und der Kunst. Neumann macht aber zudem deutlich, dass auch die Emanzipation der Frau ein wichtiges Kapitel in der Geschichte Jenas ums Jahr 1800 ist. Caroline und Dorothea Schlegel, die zentralen Frauengestalten des Buches, sind den männlichen Geistesgrößen kompetente und akzeptierte Gesprächspartnerinnen, und sie demonstrieren in ihrer für damalige Verhältnisse recht unorthodoxen Lebensweise, dass man über Freiheit nicht nur reden, sondern sie auch leben kann. Dorothea ließ sich für Friedrich Schlegel von dem Kaufmann Simon Veit scheiden, Caroline trennte sich von August Wilhelm Schlegel, um Friedrich Wilhelm Joseph Schelling zu heiraten.

„Jena 1800“ ist flüssig und unterhaltsam geschrieben. Dass der Autor manchmal fast den Eindruck erweckt, er sei damals selbst dabei gewesen, mag ein bisschen übertrieben sein. Aber sei’s drum. So macht Geistesgeschichte auf jeden Fall Spaß.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen