Buchkritik: Erich Kästners „Das Blaue Buch. Geheimes Kriegstagebuch 1941 – 1945“

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 Erich Kästner bei einem Besuch der Internationalen Jugendbibliothek München im Mai 1969.
Erich Kästner bei einem Besuch der Internationalen Jugendbibliothek München im Mai 1969. (Foto: dpa)
Rolf Dieterich

Erich Kästner: Das Blaue Buch. Geheimes Kriegstagebuch 1941 – 1945. Herausgegeben von Sven Hanuschek in Zusammenarbeit mit Ulrich von Bülow und Silke Becker. Atrium Verlag (Zürich). 405 Seiten. 32 Euro.

Weshalb Erich Kästner, der am 10. Mai 1933 selbst ansehen musste, wie vor der Berliner Oper auch seine Bücher vom Nazi-Pöbel verbrannt wurden, Deutschland nicht verlassen hat, beschäftigt die Literaturwissenschaft bis heute. Eine klare Antwort darauf gibt auch sein „Geheimes Kriegstagebuch 1941 – 1945“ nicht, das jetzt in einer stark erweiterten, umfassend kommentierten und mit reichem Beilagenmaterial ausgestatteten Neuauflage unter dem Titel „Das Blaue Buch“ vorliegt. Die 2006 als viel kleinerer Sonderband der „Marbacher Magazine“ erschienene Ausgabe ist schon lange vergriffen.

Bleiben und Augenzeuge sein

Kästner erklärt in seinen Tagebuchnotizen seinen Verzicht auf eine Emigration damit, dass er Augenzeuge der Vorgänge in der Heimat sein wollte, um später authentisch einen großen Roman über das Dritte Reich zu schreiben. Das mag ein Motiv gewesen sein, aber wohl nicht das einzige. Vermutlich hat er, wie auch andere Künstler, geglaubt, dass der Nationalsozialismus nur eine relativ kurze Episode sein würde. Und ganz sicher hat die außerordentlich enge Bindung Kästners an seine Eltern, vor allem an seine Mutter, ebenfalls eine Rolle gespielt.

Auch wenn Erich Kästner selbst seine Eintragungen als Tagebuch bezeichnet, so handelt es sich dabei doch nicht um ein Tagebuch im wörtlichen Sinne. Denn er hat immer wieder über Monate hinweg nichts darin notiert. Und dem, was er dort festgehalten hat, fehlen auch weitgehend die Intimität und Emotionalität, die private Tagebucheintragungen üblicherweise ausmachen. Sein sachlicher Stil ist der des Journalisten, der Kästner ja auch war. Er schrieb auf, was er in seiner Umgebung, etwa über Judendeportationen, mitbekommen und was er aus offiziellen und inoffiziellen Mitteilungen oder gerüchteweise über Kriegsereignisse erfahren hatte, er beschrieb Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen und die Alltagsprobleme in der zunehmend von Bomben zerstörten Reichshauptstadt und notierte politische Witze, die damals nicht nur in der Berliner Bohème Hochkonjunktur hatten.

Brisante Eintragungen

Seine Eintragungen bis Mai 1945 sind häufig von einiger Brisanz. Sie lassen auch vermuten, dass Kästner Kontakte zu Informanten hatte, die der Reichsregierung, vor allem Joseph Goebbels, nahestanden. Sein „Blaues Buch“ stellte somit auch kein unerhebliches Risiko für ihn selbst und diejenigen dar, die ihm Informationen über Massenexekutionen und sonstige Scheußlichkeiten vor allem im Osten zukommen ließen. Es hätte keinesfalls in die falschen Hände geraten dürfen.

Material für einen Roman

Allerdings war der Tagebuchschreiber vorsichtig genug, seine Hilfe für von den Nazis Bedrängte nicht zu dokumentieren. Kästner selbst wollte sein Tagebuch ohnehin nicht als Dokumentation verstanden wissen, sondern vor allem als Stoffsammlung für einen geplanten Roman über Nazi-Deutschland. Aber ein Dokument ist das „Blaue Buch“ sehr wohl, ein Dokument des Lebens in der inneren Emigration und ein wichtiges Zeugnis einer schlimmen Zeit.

Aus dem großen Roman über das „Dritte Reich“ wurde nichts. Zwar hatte Kästner nach dem Krieg noch weiter Material gesammelt und an Entwürfen gearbeitet. Letztlich blieb es aber bei den ebenfalls im „Blauen Buch“ enthaltenen fragmentarischen Aufzeichnungen für dieses Projekt und noch ein zweites unter dem Arbeitstitel „Der Doppelgänger“. Offensichtlich fand der wortgewandte Autor des „Fabian“ nicht die richtigen Worte und auch nicht die geeignete Form, um die Entsetzlichkeiten der zwölf Jahre Nationalsozialismus in einem literarischen Werk zu verarbeiten.

Erich Kästner: Das Blaue Buch. Geheimes Kriegstagebuch 1941 – 1945. Herausgegeben von Sven Hanuschek in Zusammenarbeit mit Ulrich von Bülow und Silke Becker. Atrium Verlag (Zürich). 405 Seiten. 32 Euro.

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