Buchkritik: Elena Ferrantes Roman „Tage des Verlassenwerdens“

Lesedauer: 6 Min
Gelbe Bücher auf einem schwarzen Hintergrund
Der Weg zurück ins Leben (Foto: colourbox)
Welf Grombacher

Ob ihr die „Anonymität“ beim Schreiben hilfreich gewesen sei, wurde Elena Ferrante nach ihrem zweiten Buch „Tage des Verlassenwerdens“ (2002) gefragt. Und die unter Pseudonym publizierende Schriftstellerin antwortete damals, sie habe immer schon den Alltag vom Schreiben getrennt. „Um das Leben zu ertragen, lügen wir, am liebsten belügen wir uns selbst.“ Das lindere den Schmerz, gestatte uns, das Grauen des ernsthaften Nachdenkens zu umschiffen, die Schrecken unserer Zeit zu mildern und rette einen mitunter vor sich selbst. „Beim Schreiben aber darf man nicht lügen. In der literarischen Fiktion muss man ehrlich sein bis zur Schmerzgrenze, sonst droht als Strafe die Leere der Seiten.“ Diese Ehrlichkeit ihrer Bücher ist ein Grund für Elena Ferrantes Erfolg.

Während sich die Anerkennung in Italien früh einstellte, ließ es die Leser hierzulande erstmal kalt, als der Roman „Tage des Verlassenwerdens“, von Anja Nattefort übersetzt, 2003 zum ersten Mal auf Deutsch erschien. Das dürfte sich nach dem Erfolg der neapolitanischen Saga „Meine geniale Freundin“ (2016) jetzt ändern. Deswegen legt der Suhrkamp Verlag das Buch noch mal neu auf, damit es die ihm gebührende Aufmerksamkeit erhält. Auch, wenn es das direkteste Buch von Ferrante ist und der Spannungsbogen nicht dem ihrer anderen Bücher standhält. Vergleichsweise linear erzählt sie von einer Frau, die verlassen wird.

Nach 15 Jahren Ehe verkündigt Mario seiner Frau plötzlich nach dem Mittagessen, dass er sie verlassen wolle. Er zieht die Wohnungstür zu und geht, ohne sich von den zwei Kindern zu verabschieden. Zunächst kann die 38-jährige Olga es gar nicht glauben, denkt, er komme zurück. Bis sie herausfindet, dass er eine andere hat. Carla heißt sie und ist die Tochter einer Kollegin, der er vor fünf Jahren Nachhilfe gegeben hat. Schon damals beobachtete Olga, wie das Kind ihrem Mann einen Kuss gab. Nicht auf die Wange, auf den Mund. Fünf Jahre hat er sie also betrogen, gewartet, bis Carla volljährig ist.

Lebensecht beschreibt Elena Ferrante den Wahn Olgas, verstehen zu wollen, worin ihr Fehler lag. Zwischen Selbsthass und Sehnsucht nach Mario zerreibt sie sich. Wenn er zu einem seiner seltenen Besuche kommt, flüstert sie dem zehnjährigen Gianni und der siebenjährigen Ilaria ein: „Wir müssen alle dafür sorgen, dass er nicht wieder geht.“ Vergeblich. Sie muss allein klarkommen und ist damit vollkommen überfordert, hört auf, sich zu schminken, schläft tagsüber auf dem Sofa, kocht nicht mehr und verliert den Kontakt zu ihren Kindern. Als Gianni Fieber bekommt und Schäferhund Otto an einer Vergiftung stirbt, wächst ihr alles über den Kopf.

Um sich an ihrem Mann zu rächen, stürzt sie sich in eine Affäre mit ihrem Nachbarn Carrano, einem depressiven Musiker, was nichts besser macht. Im Gegenteil. Ihr Leben entgleitet ihr. „Was für ein Fehler, den Sinn meiner Existenz einzig aus den Ritualen beziehen zu wollen, die Mario mit mäßiger ehelicher Hingabe bewilligte. Was für ein Fehler, meine Daseinsberechtigung von seiner Zufriedenheit, seiner Begeisterung, dem immer erfolgreicheren Verlauf seiner Karriereabhängigkeit zu machen. Und vor allem, was für ein Fehler zu glauben, ich könnte ohne ihn nicht leben, obwohl ich mir längst nicht mehr sicher war, ob ich mit ihm noch lebte.“

Mit weiblichem Einfühlungsvermögen erzählt Elena Ferrante von Olgas Weg zurück ins Leben. Panik, Wut und Angst werden im Roman geradezu physisch spürbar. Ebenso die unsagbare Leere.

Schon mit ihrem zweiten Buch hat sich die große Unbekannte, die der italienische Journalist Claudio Gatti mittlerweile als Anita Raja enttarnt haben will, einen Platz in der Literaturgeschichte gesichert und sich eingereiht zwischen die großen Stimmen der Emanzipation. Wer so schreibt, hat nicht nur einen Blick in den Abgrund riskiert. Wer so schreibt, der weiß genau, was ein Abgrund bedeutet.

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