Buch: Neue Biografie über Hans Scholl

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 Hans Scholl (1918-1943)
Hans Scholl (1918-1943) (Foto: imago)

Jakob Knab: Ich schweige nicht. Hans Scholl und die Weiße Rose. wbg/Theiss Verlag. Darmstadt 2018. 262 Seiten. 24,95 Euro.

Der Buchmarkt reagiert auf Jubiläen, auch auf solche tragischer Ereignisse. So erfährt der Widerstand der Weißen Rose in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit.Vor 75 Jahren, am 22. Februar 1943, wurden in Stadelheim Christoph Probst und die Geschwister Scholl durch das Fallbeil ermordet. Vor 100 Jahren, am 22. September, wurde Hans Scholl geboren. Schon zu Beginn des Jahres war im Beck-Verlag die Hans-Scholl-Biografie „Flamme sein!“ des evangelischen Pfarrers Robert M. Zoske erschienen (siehe „Schwäbische Zeitung“ vom 22. Februar 2018). Nun folgt anlässlich des Geburtstags bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft eine weitere Lebensbeschreibung unter dem Titel „Ich schweige nicht“. Geschrieben hat sie Jakob Knab, katholischer Theologe und ehemaliger Studienleiter an einem Kaufbeurer Gymnasium.

Historische Arbeiten zum Themenkomplex „Weiße Rose“ gibt es inzwischen viele, und meist stehen die Geschwister Scholl aus Ulm im Mittelpunkt. Die Populärkultur hat Sophie zu einer Ikone des jugendlichen Widerstands gemacht hat. In der historischen Forschung ist der Weg Hans Scholls vom begeisterten HJ-Fähnleinführer zum entschlossenen Kämpfer gegen das NS-Regime gut dokumentiert. Die – sicher verständlichen – Retuschen am Bild Hans Scholls durch Inge Scholl als erste Chronistin der „Weißen Rose“, sind längst bereinigt. Dass Hans nicht wegen „bündischer Umtriebe“, sondern wegen „unzüchtiger Handlungen an einem Minderjährigen“ 1937 ins Gefängnis kam, ist seit über zehn Jahren allgemein bekannt. Sönke Zankel hatte dies in seiner Dissertation bei Hans-Peter Hockerts anhand der Sondergerichtsakten bereits 2006 dokumentiert.

Ein wenig hat man den Eindruck, dass schon alles gesagt ist, nur noch nicht von jedem. Dass es wenig Neues zu berichten gibt, räumt Jakob Knab gleich in seiner Einleitung ein: „Der vorliegenden Biografie ist an weiteren Enthüllungen nicht gelegen.“ Knab möchte wissen, wie sich Scholls anfängliche Begeisterung für die nationalsozialistische Bewegung in Widerspruch und schließlich Widerstand verwandelte. Diese Frage hat auch Noske interessiert. Doch die beiden Theologen betreten auch hier kein Neuland. Die Beschäftigung mit Texten von Nietzsche, Augustinus oder den Vertretern des französischen Reformkatholizismus ist bereits durch andere Arbeiten bestens dokumentiert. Und noch etwas ist spätestens seit der Otl-Aicher-Biografie von Eva Moser (2011) deutlich geworden: Maßgebliche Impulse für die intellektuelle Unterfütterung des Widerstands kamen von ihm. Der später weltbekannte Designer und Ehemann von Inge Scholl war es, der – angeleitet von dem aufrechten katholischen Söflinger Pfarrer Weiß – völlig immun war gegen die NS-Ideologie.

Während der Lutheraner Zoske in den Texten Scholls immer wieder auf das Erbe der streng evangelischen Erziehung durch die Mutter trifft, will der Katholik Knab bei Scholl vor allem Bezüge zur Geheimen Offenbarung des Johannes entdecken.

Knabs Buch fasst auf 200 Seiten kompakt den Lebensweg Hans Scholls zusammen. In seinem Literaturverzeichnis sind auch neuere Arbeiten aufgenommen. In einem letzten Kapitel gibt er einen Überblick über die „Erinnerungskultur und Rezeptionsgeschichte“ der Weißen Rose.

Die Ulmer Schülergruppe

Da freilich hätte man gern auch noch einen Hinweis gelesen auf die „Ulmer Schülergruppe“. Sechs Schüler aus einer Klasse des humanistischen Gymnasiums in Ulm (das heutige Humboldt-Gymnasium) wurden wegen Hochverrats angeklagt, weil sie das fünfte Flugblatt der „Weißen Rose“ in Umlauf gebracht hatten. Wie Michael Kuckenburg vor einigen Jahren in einem verdienstvollen Aufsatz in der Zeitschrift „Schwäbische Heimat“ (3/2013) geschrieben hat, waren es auch bei Heinz Brenner, Heinrich Guter, Walter Hetzel, Franz Müller, Hans und Susanne Hirzel einerseits religiöse Beweggründe, die sie in Opposition zum Regime brachten. Aber andererseits waren sie auch beeinflusst von Lehrern, die zwar deutschnational und konservativ waren, aber eben keine Nazis. Und dann reizte schon der rüde, dumpfe Ton der neuangestellten Nazi-Lehrer den Widerspruchsgeist der jungen Menschen. Also ein vielschichtiges Phänomen.

Jakob Knab: Ich schweige nicht. Hans Scholl und die Weiße Rose. wbg/Theiss Verlag. Darmstadt 2018. 262 Seiten. 24,95 Euro.

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