Britten kehrt zurück

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Eine ideale Besetzung: Tenor Hans-Günther Dotzauer (vorne) in der Titelrolle.
(Foto: Ilja Mess)
Günter Buhles

„Peter Grimes“: Oper des Engländers am Theater Ulm inszeniert.

Benjamin Britten (1913-1976) war zwar 1961 zu einem Konzert nach Ulm gekommen. Doch am Theater der Donaustadt fehlten – zumindest seit 1980 – die Werke dieses großen Opernkomponisten ganz und gar. Mit dessen Erstlingswerk „Peter Grimes“ von 1945 in einer hervorragenden Inszenierung von Matthias Kaiser und im Dirigat von Daniel Montané tut man nun etwas gegen dieses Defizit.

Außenseitertum, Moral und Doppelmoral, der Bruch von Konventionen und Bigotterie, das waren die Themen des homosexuellen – womöglich auch pädophilen – Musikdramatikers. So auch in der Tragödie um Peter Grimes, einen armen, einsamen Fischer in einem Ort an der englischen Ostküste.

Nachdem sein Schiffjunge auf See zu Tode gekommen ist, soll Grimes vor Gericht beweisen, kein Gewaltverbrechen begangen zu haben. In den düsteren Farben von Nacht oder Dämmerung am Meer und der Rostschicht eines Schiffswracks (Bühne: Marianne Hollenstein), in irrlichthaften Wechseln der Beleuchtung (Licht: Klaus Welz) vollzieht sich das Drama des Ausgestoßenen.

Ausgefeilte Choreografie

Lediglich der Apotheker Keene, der frühere Kapitän Balstrode und die Lehrerin Ellen Orford, die Grimes heiraten möchte, halten noch zu ihm. Auf der anderen Seite stehen die zur Meute werdenden Dorfbewohner in Gestalt des umfassenden Chores im fischertypischem Ölzeug (Kostüme: Angela C. Schuett).

Die von Chordirektor Hendrik Haas trefflich vorbereiteten Sänger des Haus- und Extrachores folgen in ihren Bewegungen einer ausgefeilten Choreografie. So wird aus der beinahe oratorienhaften Anlage des Werks ein wirkliches Drama aus Einzel- und Massenszenen. Es erreicht seinen Höhepunkt, nachdem auch der neue Schiffjunge oder Lehrling von Grimes bei einem Sturz umgekommen ist: Die fanatische Horde brüllt immer wieder den Schuldspruch: „Peter Grimes, … Peter Grimes!“.

Seltsam, dass ein so bedeutendes, schwieriges und außerdem aufwendiges Werk nicht vom Generalmusikdirektor einstudiert und vorgestellt wird, sondern von einem am Spielzeitende ausscheidenden Kapellmeister. Doch Montané erfüllt die Aufgabe mit Bravour: Sicher hält er den riesigen Apparat zusammen, entfaltet mit dem Philharmonischen Orchester schillernde Farben – vor allem in den als Suite bekannten „Four Sea Interludes“ – und begleitet die Solisten sicher und sensibel.

Für Hans-Günther Dotzauer ist die Tenorpartie des Peter Grimes geradezu ideal: Er gestaltet sowohl die lyrisch-elegischen Passagen als auch die dramatisch ausbrechenden Momente ergreifend und liefert eine überzeugende Charakterstudie. Ähnlich Oxana Arkaeva als Ellen Orford: Sie kann mit warmen Soprantönen der gutherzigen Lehrerin auch emotional Kontur geben. Unter den ausnahmslos guten Interpreten der insgesamt 17 Rollen sollen noch Tomasz Kaluzny als Balstrode, Joachim Pieczyk als Hobson, Don Lee als Swallow, I Chiao Shih als Mrs. Sedley und Rita-Lucia Schneider als Auntie hervorgehoben werden.

Die nächsten Aufführungen sind am 19., 24., 31. Mai. Karten unter oder an der Theaterkasse 0731/161-4444.

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