Bregenzer Festspiele: „Eugen Onegin“ im Opernstudio

Lesedauer: 5 Min
Zwei Frauen auf der Bühne beim Schauspielern
Olga (Aytaj Shikhalizada) und Tatjana (Shira Patchornik) sind ungleiche Schwestern. (Foto: Roland Rasemann)
Katharina von Glasenapp

Große Gefühle und intensives, fein durchgearbeitetes Kammerspiel begeistern bei der jüngsten Premiere der Bregenzer Festspiele von Tschaikowskis „Eugen Onegin“ mit den jungen Sängerinnen und Sängern des Bregenzer Opernstudios. Unter der musikalischen Leitung von Valentin Uryupin und der Regie von Jan Eßinger wird die Oper nach dem Versroman von Alexander Puschkin zu packendem Musiktheater. Im kleinen Kornmarkttheater wirken die großen Emotionen der jungen Menschen hautnah und authentisch. Nikolaus Webern hat ein reduziertes, doch fein durchdachtes Bühnenbild geschaffen.

Tschaikowski hatte die Hauptpartien für Studenten des Konservatoriums vorgesehen, spiegeln doch die Schwestern Tatjana und Olga, der schwärmerische Dichter Wladimir Lenski und dessen Freund Eugen Onegin die Gefühlswelt junger Menschen. In seiner Inszenierung gibt Jan Eßinger außerdem der ehemaligen Kinderfrau, der „Njanja“ Filipjewna (gesungen von der eindringlichen Mezzosopranistin Liuba Sokolova), mehr Gewicht. Es wirkt, als würden mit Tatjanas unglücklicher Liebe die Erinnerungen der Amme wach. Sie leitet durch den Abend, legt Platten mit Volksliedern auf ein altes Koffergrammophon – es sind Zuspielungen der Volkslieder und Chorszenen, vorab aufgenommen mit dem Chor der Oper in Perm. Damit reduziert Eßinger nicht nur das „Personal“ auf der kleinen Bühne, er verdichtet zugleich den Focus auf die Hauptpersonen.

Eßingers Personenregie ist äußerst detailreich durchgearbeitet, allein schon Mienenspiel und Körpersprache der israelischen Sopranistin Shira Patchornik in der Rolle der Tatjana sind ungemein berührend. Ihre Bühnenpräsenz ist gepaart mit einer klar leuchtenden Sopranstimme mit fein angesetzten Pianotönen und großen Ausbrüchen in der Briefszene, Ausstrahlung und Energie tragen im dritten Akt bis zum verzweifelten Abschied.

Glühende Intensität

Ilya Kutyukhin ist als Onegin mit seinem flexiblen Bariton und seinem weltmännisch eleganten Auftreten ebenfalls hervorragend besetzt. Seine Beziehung zu Lenski wandelt sich von Freundschaft zu Entfremdung und Feindschaft, kurz vor dem tödlichen Schuss im Morgengrauen verharren die beiden gefangen in einer Situation, aus der sie nicht mehr aussteigen können.

Ungemein eindringlich und farbenreich ist auch der Tenor Alexey Neklyudov als Lenski, zuerst unbeschwert lyrisch in den Szenen mit Olga, später besessen von seiner Eifersucht auf Onegin und voll verzagter Melancholie in seiner großen Arie. Ungewöhnlich in ihrem dunklen Timbre und eine aparte Gegenstimme ist die Olga der Aytaj Shikhalizada. Mit dem schlanken kultivierten Bass von Igor Korostylev ist Fürst Gremin, der Ehemann Tatjanas, hier kein alter Herr, sondern ein Ruhe und Sicherheit ausstrahlender Partner.

Diese Produktion des Opernstudios besticht durch intensive Personenführung und psychologische Durchdringung der Charaktere. Ebenso überzeugend ist die musikalische Arbeit des ukrainischen Dirigenten Valentin Uryupin, der das Symphonieorchester Vorarlberg in glühender Intensität musizieren lässt und doch stets die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben wahrt. Hier entsteht eine wunderbare Wärme etwa in den seelenvollen Kantilenen der Celli, in den blühenden Figuren der Holzbläser oder der Hörner. Krimispannung erzeugt Uryupin in der Duellszene mit dem stammelnden Gesang von Onegin und Lenski über der pochenden Pauke, in der großen Schlussszene von Tatjana und Onegin sind Verzweiflung und widerstreitende Gefühle geradezu mit Händen zu greifen.

Das Opernstudio der Bregenzer Festspiele beeindruckt auch in diesem Jahr. Sängerensemble, Orchester, Dirigent und Regieteam wurden vom gebannten Publikum einhellig gefeiert.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen